Nach den Lokführern jetzt die Piloten

Streiks: Die Macht der Mini-Gewerkschaften

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Hält die Pendler in Atem: GDL-Chef Claus Weselsky.

München - Eine Streikwelle jagt die nächste: Die Mini-Gewerkschaften GDL (Gewerkschaft der Lokomotivführer) und Cockpit zermürben Deutschlands Reisende und Pendler.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage streiken Lokführer und Lufthansa-Piloten hintereinander. Nach dem Ende des Lokführerausstands am Montagmorgen starteten am Mittag die Flugkapitäne die achte Streikwelle. Die Lufthansa stellt wegen der Ausweitung des Pilotenstreiks Langstreckenverbindungen von und nach Frankfurt am Dienstag fast vollständig ein. Die tz hat mit dem Gewerkschaftsforscher Prof. Michael Schneider von der Uni Bonn darüber geredet, ob die Mini-Gewerkschaften ihre Macht überstrapazieren.

Häufen sich die Streiks in letzter Zeit wirklich?

Prof. Michael Schneider, Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Gewerkschaftsforschung an der Uni Bonn: Ja, und es sind immer die gleichen Gewerkschaften, die streiken. Zwar waren an den großen Arbeitskämpfen der 60er und 70er-Jahre viel mehr Menschen beteiligt, bei den Streiks von GDL oder Cockpit ist jedoch die Gruppe der von den Streikwirkungen unmittelbar Betroffenen viel größer – deshalb brennt sich das in unser Gedächtnis ein. Die Spartengewerkschaften entfalten eine höhere Aggressivität in Arbeitskämpfen, als es die großen Gewerkschaften getan haben. Zumal die großen DGB-Gewerkschaften in den letzten 15 Jahren nur eine ganz geringe Streikativität entwickelt haben.

Sind die Streiks von GDL und Co. verhältnismäßig?

Prof. Michael Schneider: Die Frage ist berechtigt. Die Lokomotivführer und Piloten sind nicht nur hoch qualifiziert, im Rahmen ihrer Branche gehören beide Berufsgruppen zu den Top-Verdienern. Und sie sind in Branchen angesiedelt, die alle anderen betreffen – und das unter Einsatz einer relativ geringen Zahl von Organisierten. Trotzdem: iDie Verhältnismäßigkeit ist eine Ermessenssache – dazu gibt es kein Grundsatzurteil.

Kann eine spezialisierte Spartengewerkschaft ihre Leute besser vertreten?

Prof. Michael Schneider:  Das macht ihre Attraktivität aus. Die GDL muss kein umfassendes Personalpaket für alle Bahnbedienstete schnüren. So kann sie mit mehr Ellenbogen die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der von ihr organisierten Berufsgruppe, hier der Lokführer, vertreten als eine Gewerkschaft, die ganz breit gefächert in einer Branche Mitglieder hat und auf die Solidarität im Betrieb achten muss.

Wie ist das Verhältnis von Spartengewerkschaften zum DGB?

Nichts ging mehr während des GDL-Streiks am Wochenende.

Prof. Michael Schneider:  Einerseits stört es die DGB-Gewerkschaften ohnehin, dass die GDL immer als Gewerkschaft bezeichnet wird, obwohl sie nicht zum DGB, sondern zum Deutschen Beamtenbund gehört. Die Kritik an der GDL und den damit verbundenen Imageverlust für Gewerkschaften bekommen aber die DGB-Gewerkschaften ebenfalls zu spüren. Der eigentliche Knackpunkt ist aber die Frage des Verhandlungsmandats, das die GDL auch für die Zugbegleiter fordert. Da kommt sie der EVG, einer DGB-Gewerkschaft, in die Quere. Das ist eine direkte Konkurrenz auf einem Feld, auf dembeide Gewerkschaften gegeneinander antreten. Die GDL beansprucht hier, nur für ihre Mitglieder zu verhandeln und lehnt eine Tarifführerschaft der EVG für die Zugbegleiter ab. Das macht allen Beteiligten das Leben schwerer. Die Bahn müsste unterschiedliche Tarifverträge für ein und dieselbe Berufsgruppe aushandeln, und die Arbeitnehmer müssten mit unterschiedlichen Löhnen und Arbeitszeitregelungen unter Kollegen klar kommen – je nachdem, in welcher Gewerkschaft man organisiert ist. Damit kann die Spaltung von Belegschaften auf den Weg gebracht werden. Daran können weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer Interesse haben.

Die Bundesregierung plant ein Gesetz zur Tarifeinheit…

Prof. Michael Schneider:  Bis 2010 ging die Tarifeinheit nach geltender Rechtsprechung vor, das wurde dann vom Bundesarbeitsgericht kassiert. Das Rad wird die Bundesregierung kaum zurückdrehen können. Bisher hat Arbeitsministerin Andrea Nahles nur Eckpunkte für einen Entwurf vorgelegt. Die haben die Tücke, dass sie sich teilweise gegenseitig ausschließen. So sollen einerseits das Vereinigungsrecht und das Streikrecht unangetastet bleiben.; andererseitssoll der eigene Weg dieser Spartengewerkschaften eingeschränkt werden, miit dem Ziel, dass es in einem Betrieb für eine Berufsgruppe auch nur noch einen Tarifvertrag geben soll. Wie das gehen soll, ist mir im Moment noch unklar. Da bin ich auf den Gesetzentwurf gespannt.

Wäre die Tarifeinheit denn generell wünschenswert?

Prof. Michael Schneider:  Ja, sowohl für Arbeitgeber als auch fürArbeitnehmer. Ich sehe aber keine Chance, ohne die Verletzung der viel wertvolleren Prinzipien vonVereinigungsrecht und Streikrecht diese Tarifeinheit wirklich herzustellen. Uns bleibt da wohl nur Gelassenheit.

Wird in Deutschland an sich oft gestreikt?

Prof. Michael Schneider:  Im Gegenteil, seit Jahrzehnten sind wir unglaublich verwöhnt. Im Vergleich mit den Nachbarländern haben wir immer noch weniger Streiks – auch wenn die Streikaktivitäten in Frankreich und England wegen der Krise zurückgegangen sind.

Was sind die Gründe?

Prof. Michael Schneider:  Eine andere Arbeitskampfkultur. Der Grund dafür übrigens: In Frankreich und England gibt es sehr viel mehr konkurrierende Gewerkschaften, die jeweils recht radikale Forderungen aufstellen, um die Konkurrenzgewerkschaft zu überbieten. In Frankreich gibt es zudem Richtungsgewerkschaften, also kommunistische, christliche und sozialdemokratische, die ebenfalls in Konkurrenz zueinander stehen. Insofern bewährt sich das deutsche Konzept der Einheitsgewerkschaften. Allerdings hat die deutsche Gewerkschaftslandschaft – nicht zuletzt dank der Spartengewerkschaften – deutliche Veränderungen erfahren.

Interview: Marc Kniepkamp

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