Das tz-Wochenendthema

Tarifjahr 2014: 2,8 % mehr Lohn ist drin!

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Der Streik der Münchner Müllabfuhr im August 2011: Ab 13. März wird im öffentlichen Dienst wieder verhandelt.

München - Was erwartet uns 2014 bei den Löhnen? Das tz-Wochenend­thema gibt einen Überblick über die anstehenden Tarifrunden.

Im vergangenen Jahr sind die Gehälter deutlich stärker gestiegen als die Inflation! Laut Hans-Böckler-Stiftung legten die Einkommen der Tarifbeschäftigten 2013 um 2,7 Prozent zu. Berücksichtigt man die nicht nach Tarif bezahlten Arbeitnehmer, gibt es immer noch ein Lohnplus von 2,2 Prozent. Die Preise stiegen im gleichen Zeitraum nur um 1,5 Prozent. Und was erwartet uns 2014? Das tz-Wochenend­thema gibt einen Überblick über die anstehenden Tarifrunden. Und im Gastkommentar warnt die Arbeitgeberseite vor allzu hohen Lohnsteigerungen.

Tarif-Experten erwarten Gehaltssteigerungen über der Inflation

Auch 2014 wird ein gutes Jahr für Arbeitnehmer! Die Experten sind zuversichtlich, dass wie schon 2013 in diesem Jahr die Löhne erneut über der Inflation liegen werden. Die Bundesbank ist überzeugt, dass Deutschland am Beginn eines „kleinen Aufschwungs“ stehe. Nun sei mit einer Verstärkung des Lohnanstiegs zu rechnen.

Die ökonomische Ausgangslage habe sich weiter verbessert, meint auch der Leiter des Tarif­archivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, Reinhard Bispinck. Der Leiter des Forschungsinstituts der Gewerkschaften sagte, einer dauerhaften Stärkung der Binnennachfrage in Deutschland käme vor dem Hintergrund der Stabilisierung der Wirtschaftskräfte und der Rezession in vielen europäischen Ländern eine überragende Bedeutung zu.

Für die Gesamtheit der Tarifbeschäftigten sollten jahresbezogene Tarifsteigerungen von rund 2,8 Prozent wieder drin sein, so Bispinck. „Zur weiteren Stärkung der Binnennachfrage bräuchten wir eigentlich 3 Prozent plus x“, findet der Tarifexperte.

2014 werden neue Tarife für 10,8 Millionen Beschäftigte verhandelt. Besonders spannend werden die im März beginnenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen – hier geht es um die Löhne von 1,7 Millionen Beschäftigten. Die Gewerkschaft Verdi will über die Höhe der Tarifforderung im Februar entscheiden, die Verhandlungen beginnen am 13. März.

Der zweite dicke Brocken der diesjährigen Tarifrunde ist die Chemie-Industrie mit rund 550 000 Beschäftigten. Gewerkschaft und Arbeitgeber verhandeln hier schon seit 15. Januar. Die IG BCE (Bergbau Chemie Energie) fordert 5,5 Prozent (siehe Tabelle links). Und auch im Baugewerbe, wo es im Mai vergangenen Jahres einen Abschluss mit 3,2 Prozent mehr Geld (4 Prozent im Osten) gab, wird Ende April 2014 wieder verhandelt, genauso wie im Bankgewerbe

Im Juli ist das bayerische Hotel- und Gaststättengewerbe dran, sowie die 134 000 Beschäftigten der Deutsche Bahn AG. Die wichtigste deutsche Industriebranche Metall und Elektro (3,6 Mio. Beschäftigte) wird erst nach der Weihnachtspause 2014 wieder über einen neuen Tarifvertrag streiten.

KR

Das Tarifjahr 2014: Die Forderungen

Das wollen die Gewerkschaften durchsetzen

Branche Betroffene Angestellte Laufzeit Lohnforderung
Chemische Industrie 550 000 Beschäftigte 12 Monate 5,5 Prozent
Beschäftigte noch offen wird erst im Februar offengelegt
Baugewerbe 700 000 Beschäftigte noch offen wird erst im Februar offengelegt
Deutsche Telekom AG und Telekom Servicegesellschaften 50 800 Beschäftigte 12 Monate 5,5 Prozent, bedürfnisorientierte überproportionale Erhöhung der unteren Lohngruppen
Druckindustrie 153 000 Beschäftigte 12 Monate 5,5 Prozent
Quelle: Hans-Böckler-Stiftung

Das Tarifjahr 2014: Die Abschlüsse

Die ersten Vereinbarungen des Jahres

Branche Betroffene Angestellte Laufzeit Abschluss
Einzelhandel Ost 278 600 Beschäftigte 24 Monate 3 Prozent mehr ab 1. Sept. 2013, 2,1 Prozent mehr ab 1. Juni 2014
Zeitschriftenredakteure 9000 Beschäftigte 30 Monate 2 Prozent mehr ab 1. Dez. 2013, 1,9 Prozent ab Nov. 2014
Fleischwirtschaft 100 000 Beschäftigte 36 Monate Mindestlohn, ab 1. Juli 2014: 7,75 Euro/Std., ab 1. Dez. 14: 8 Euro/Std., ab 1.Okt. 15: 8,60 Euro/Std. ab 1. Dez.: 16: 8,75 Euro
Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, NGG, DJV

Gastkommentar: Arbeitskosten entscheidend für Wettbewerb

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft sowie der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie.

Die Arbeitskosten sind ein entscheidender Faktor, um industrielle Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland und Bayern zu sichern. Wir sind jedoch ein Hochlohnstandort. Die industriellen Arbeitskosten liegen hier weit über dem Durchschnitt der anderen westlichen Industriestaaten, von den mittel- und osteuropäischen Staaten sowie den Schwellenländern ganz zu schweigen. In den vergangenen beiden Jahren sind sie wieder stärker gestiegen als bei unseren Wettbewerbern. Diese Entwicklung ist äußerst besorgniserregend.

Die Arbeitskosten in der westdeutschen Industrie lagen im Jahr 2012 bei durchschnittlich 38,88 Euro pro Arbeitnehmerstunde. Höhere Arbeitskosten wiesen nur Norwegen, die Schweiz, Schweden und Belgien auf. Zum Vergleich: Bei unseren osteuropäischen Nachbarn Tschechien waren es beispielsweise nur 10,15 Euro. Die niedrigsten industriellen Arbeitskosten innerhalb der EU haben Rumänien mit 3,78 Euro und Bulgarien mit 2,86 Euro. Dieser Kostennachteil dürfte sich 2013 noch vergrößert haben.

Im Schnitt der ersten drei Quartale 2013 stiegen die Arbeitskosten in der deutschen Wirtschaft um 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Bruttoentgelte und Lohnzusatzkosten nahmen dabei im gleichen Umfang zu. Für die Unternehmen bedeutete dies eine erhebliche Belastung und einen deutlichen Anstieg der Lohnstückkosten. Denn dem Kostenanstieg von 2,5 Prozent steht nur ein gesamtwirtschaftlicher Produktivitätsfortschritt von 0,2 Prozent gegenüber. Eine solche Entwicklung belastet die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Das betrifft besonders Betriebe, die im globalen Wettbewerb stehen.

Zwar konnte Deutschland vor und auch nach der Krise seine Produktivität im internationalen Vergleich überdurchschnittlich steigern. Diese Zuwächse wurden aber durch die zeitgleich gestiegenen Arbeitskosten überkompensiert. So stiegen sowohl 2011 als auch 2012 die Lohnstückkosten in Deutschland mehr als doppelt so stark wie im Durchschnitt der EU-27.

Auch 2014 wird der Produktivitätsfortschritt wieder höher ausfallen. Mit knapp unter einem Prozent wird er aber im langfristigen Vergleich weiterhin niedrig sein. Umso wichtiger sind stabile Arbeitskosten. Das betrifft sowohl die Tarifentgelte als auch die Lohnzusatzkosten. Auch die Beitragssätze zur Sozialversicherung müssen insgesamt unter 40 Prozent bleiben. Wer den Faktor Arbeit zum Nachteil der Unternehmen höher belasten will, handelt auch gegen die Interessen der Arbeitnehmer. Denn ein derartiger Schritt vernichtet Arbeitsplätze.

Um unsere Wirtschaft zukunftsfähig zu gestalten, sind Maßhalten und Kostendisziplin eine unabdingbare Voraus­setzung. Gefordert sind die Unternehmen selbst, vor allem aber die Tarifparteien und die Politik.

Alle Verantwortlichen müssen Kostendisziplin und Flexibilität an den Tag legen, um den Industrie­standort Deutschland und Bayern nachhaltig zu stärken. Damit unser Land auch in Zukunft in der ersten Liga mitspielt.

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft sowie der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie

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