Not treibt Portugal in Kriminalität und Bordelle

Lissabon - Die täglich wachsende Not treibt in Portugal schlimme Blüten. Nach der Kirche warnt auch die Polizei vor einer Revolte. Bei einem Streik machen viele ihrem Ärger Luft.

In der einstigen “Friedensoase“ Portugal brodelt die Wut. Nicht nur den Armen unter den traditionell friedliebenden Portugiesen platzt angesichts von Krise und Kürzungen der Kragen. “Die (Spar-)Maßnahmen der Regierung sind Terrorismus“, schimpfte am Donnerstag bei einer Protestkundgebung am Rande des Generalstreiks der bekannte Anwalt Garcia Pereira. In dem Land, in dem 1974 die Demokratie mit roten Nelken in den Gewehrläufen erobert wurde, gab es bisher - anders als etwa in Griechenland - keine Unruhen. Doch die täglich wachsende Not hat immer schlimmere Konsequenzen.

Euro-Schuldenkrise - Eine Chronologie

September 2004: Nach Berechnungen des europäischen Statistikamtes Eurostat hat Griechenland seine Zahlen zum Haushaltsdefizit seit 2000 frisiert. Eurostat kommt auf deutlich höhere Defizite. Damit wird klar, das EU-Land hat sich den Beitritt zur Euro-Zone 2001 mit falschen Zahlen erschlichen und immer mehr Schulden aufgehäuft. © dpa
Oktober 2009: Die oppositionellen Sozialisten gewinnen die vorgezogene Parlamentswahl. Giorgos Papandreou wird Ministerpräsident. Bei einer Staatsverschuldung von rund 260 Milliarden Euro ist jeder Grieche im Durchschnitt mit rund 25 000 Euro verschuldet. © dpa
Januar 2010: Die Regierung schickt ihren Sparplan zur Haushaltssanierung an die EU-Kommission. Sie will das Defizit von 12,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) mit harten Einsparungen und Steuererhöhungen bis 2012 auf unter die in der Euro-Zone erlaubten drei Prozent drücken. © dpa
Februar 2010: Die EU-Kommission stellt Griechenland unter Aufsicht. Athen muss laut Brüssel sein Defizit bis 2012 in den Griff bekommen. © dpa
April 2010: Die Euro-Länder einigen sich auf ein Rettungspaket. Es soll über drei Jahre laufen; der Internationale Währungsfonds (IWF) soll beteiligt werden. Im Notfall könnte Griechenland im ersten Jahr auf Hilfen von insgesamt 45 Milliarden Euro zugreifen. Große Ratingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit des Landes weiter herab. In der Eurozone verschärft sich die Krise. © dpa
Mai 2010: Griechenland soll über drei Jahre Kredithilfen der Eurostaaten und des IWF von 110 Milliarden Euro bekommen. Athen muss das Defizit bis 2014 unter 3 (derzeit 13,6) Prozent absenken und beschließt ein striktes Sparprogramm. Im selben Monat spannen die EU-Staaten einen Rettungsschirm in Höhe von 750 Milliarden Euro auf, um klamme Euro-Länder notfalls mit Krediten zu versorgen. © dpa
Dezember 2010: Irland werden als erstem Land Hilfen aus dem Rettungsschirm EFSF bewilligt. Die EU-Finanzminister billigen das Hilfspaket von 85 Milliarden Euro. © dpa
11./12. März 2011: Bei einem Sondergipfel einigen sich die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone auf weitreichende Maßnahmen zur Absicherung der 1999 eingeführten Gemeinschaftswährung. Der Rettungsfonds EFSF für klamme Mitglieder wird ausgeweitet. Künftig können chronische Schuldensünder leichter an Geld kommen. © dpa
24./25. März 2011: Die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder beschließen die Aufstockung des Rettungsfonds und einigen sich auf den “Pakt für den Euro“, der eine engere Abstimmung in der Haushalts-, Steuer- und Sozialpolitik vorsieht. Die Länder verpflichten sich zum Sparen. © dpa
April 2011: Die griechische Regierung stimmt die Bevölkerung auf ein weiteres hartes Sparprogramm ein. Der Fehlbetrag im Haushalt 2010 belief sich laut Eurostat auf 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zunächst war Athen von etwa 9,5 Prozent ausgegangen. © dpa
Mai 2011: Die EU verlangt den Griechen einen noch härteren Sparkurs ab, aber Regierung und Opposition sind tief zerstritten. Griechenland hat nur noch bis Mitte Juli Geld, dann droht die Staatspleite. © dpa
Mai 2011: Die Euro-Finanzminister billigen eine Nothilfe für Portugal in Höhe von 78 Milliarden Euro. Im Gegenzug muss die Regierung in Lissabon ein striktes Sparprogramm durchziehen. © dpa
Juni/Juli 2011: Bei einem Gipfel in Brüssel beschließen die EU-Staats- und Regierungschefs ein weiteres milliardenschweres Hilfsprogramm für Athen. Das griechische Parlament stimmt dem Sparprogramm der Regierung zu. © dpa
Juni/Juli 2011: Damit ist der Weg für weitere Milliarden-Hilfen fast frei. Die Chefs der Euro-Länder einigen sich bei einem Krisentreffen darauf, dass die neuen Hilfsmaßnahmen einen Umfang von 109 Milliarden Euro haben sollen. © dpa
Oktober 2011: Nach einem EU-Doppelgipfel steht ein Paket gegen die Krise: Griechenlands private Gläubiger sollen freiwillig einem Schuldenschnitt von 50 Prozent zustimmen. © dpa
Oktober 2010: Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert. Nun soll es Kredithilfen von 100 Milliarden Euro geben, plus Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. © dpa
November 2011: Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou tritt zurück. Nachfolger wird der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Lucas Papademos (parteilos), der eine Mehrparteien-Übergangsregierung bis zu Neuwahlen führen und im Parlament die von den internationalen Geldgebern verlangten Reformen durchsetzen soll. © dpa
Januar/Februar 2012: Griechenland und Vertreter des Internationalen Bankenverbandes IIF arbeiten an einer Vereinbarung über einen Schuldenschnitt, der im Endeffekt rund 100 Milliarden Euro umfassen soll. © dpa
Januar/Februar 2012: Experten der sogenannten Troika aus Vertretern der EU, des IWF und der Europäischen Zentralbank prüfen zugleich die Sparbemühungen Athens und verlangen weitere durchgreifende Maßnahmen, darunter Lohnkürzungen und die beschleunigte Verschlankung des Staatsapparats, die bislang kaum vorankommt. Vom geforderten breiten Konsens in Griechenland hängt das weitere Hilfsprogramm ab. © dpa
12. Februar 2012: Das griechische Parlament billigt das Sparpaket mit der Mehrheit von Konservativen und Sozialisten. Es gibt Gegenstimmen von kommunistischen und linken Abgeordneten sowie von zahlreichen Abweichlern aus den Reihen des Regierungslagers. © dpa
In Athen kommt es zu schweren Ausschreitungen, mit Dutzenden Verletzten und zahlreichen Festnahmen. Gebäude werden angezündet und Geschäfte geplündert. © ap

Sozialarbeiter und Sicherheitsexperten warnen, die Sparwut der Regierung und die Not im hoch verschuldeten Portugal treibe immer mehr Menschen in die Kriminalität. “Gewaltverbrechen überziehen das Land im Krisenschlepptau“, titelte die renommierte Zeitung “Público“. Die Sicherheitsbeobachtungsstelle OSCOT berichtete, dass allein die Lebensmitteldiebstähle im ersten Halbjahr um 42 Prozent zugenommen hätten. “Wir gehen davon aus, dass nicht nur die Kleindelikte, sondern auch die Gewaltverbrechen noch weiter ansteigen werden“, meint OSCOT-Präsident José Manuel Anes.

Die Angst geht inzwischen auch in Provinznestern um, in denen man bis vor wenigen Jahren keinen Türschlüssel benötigte. Dort werden vor allem ältere, allein lebende Menschen immer häufiger überfallen. Ana Teixeira hatte keine Chance. Als sie die Klingel hörte und die Haustür öffnete, schob sie der Mann sofort zu Boden. “Der Räuber nahm zwei Halsketten und Armbänder mit, ich habe nichts mehr“, klagt die 81-Jährige aus dem Lissabonner Arbeiter-Vorort Charneca.

Es gibt aber auch erste Berichte von Lynchjustiz. Im verschlafenen nordportugiesischen Polvoeira etwa prügelten mehr als hundert Menschen jüngst vier Räuber bewusstlos.

Nicht nur die Kriminalität nimmt im ärmsten Land Westeuropas zu. Auf einem Seminar in Porto warnten Experten Mitte der Woche, dass immer mehr verzweifelte Mütter in die Prostitution rutschten, um ihre Familien zu ernähren. Noch nie habe es in Portugal so viele Bordelle und Sexanzeigen gegeben. “Sex ohne Kondom wird schon für 20 Euro angeboten“, sagte die Wissenschaftlerin Aline Santos.

Die Regierung räumte diese Woche ein, dass auch die Zahl der Auswanderer mit der Krise in die Höhe schieße. Akademiker, aber auch Hilfsarbeiter nehmen Reißaus. “Im Gegensatz zu früher gehen jetzt auch 50-Jährige ins Ausland, es gibt ja keine Arbeit“, sagte der für die Auslandsportugiesen zuständige Staatssekretär José Cesario unumwunden.

Freiwillige, die Obdachlosen helfen, wie Jorge Santos, erzählen unterdessen: “Wir finden auf den Straßen immer mehr Menschen, immer mehr, und darunter erstmals auch welche, die bis vor kurzem gut gelebt haben, wie Unternehmer und Anwälte.“

Nach der Kirche, die unter anderem vor einem “Blutbad“ warnte, machen sich inzwischen auch die Polizeichefs Sorgen wegen “möglicher Revolten“. Nach Ansicht des früheren sozialistischen Staatschefs Mario Soares könnte sogar die “Demokratie in Gefahr sein“.

Regierungschef Pedro Passos Coelho räumte auf seiner Facebook-Seite ein, er bekomme tausende Mitteilungen “verzweifelter Bürger“. Und obwohl nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch einflussreiche Kollegen in seiner liberal-konservativen Sozialdemokratischen Partei (PSD), wie etwa Präsident Anibal Cavaco Silva und die “Eiserne Lady“ und Ex-Präsidentschaftskandidatin Manuela Ferreira Leite von Passos, wachstumsfördernde Maßnahmen fordern, will Coelho die Sparschraube nicht lockern. “Vertraut mir“, fordert er. Eisenbahn-Gewerkschaftler Sergio Monte ist allerdings pessimistisch: “Es herrscht Empörung und Panik“.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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