tz-Interview mit "Mr. Dax"

Sparer-Enteignung: Kann das auch uns passieren?

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Finanzexperte Dirk Müller

München - Sind nach den Sparern in Zypern auch die Bankkunden in anderen EU-Staaten künftig vor einem staatlichen Zugriff auf die Konten nicht mehr sicher? Finanzexperte Dirk Müller klärt auf.

Kanzlerin Angela Merkel versucht zwar, zu beruhigen – doch nach dem Tabubruch einer Teil­enteignung für zypriotische Sparer geht die Angst in Europa um: Sind auch die Bankkunden in anderen EU-Staaten künftig vor solch einem staatlichen Zugriff auf die Konten nicht mehr sicher? Die tz sprach darüber mit dem Finanzexperten Dirk Müller alias „Mr. Dax“.

Hätten Sie es rechtlich für möglich gehalten, dass gespartes Geld einfach vom Staat eingezogen werden kann?

„Mr. Dax“ Dirk Müller: Mittlerweile wundert einen nichts mehr. Allerdings hat das, was wir hier erleben, schon eine neue Dimension. Vielen Sparern ist nicht klar: Wenn sie Geld anlegen, auf dem Girokonto oder als Tagesgeld, dann gewähren sie der Bank einen Kredit. Und wenn der Kredit von der Bank nicht zurückgezahlt werden kann, sind sie die Gekniffenen. Nur: Die Sauerei dabei ist, dass die EU den Bürgern das klare Versprechen gegeben hat, bis zu 100 000 Euro vom Ersparten im Falle einer Bankenpleite staatlich zu garantieren. Darauf hat sich der Bürger verlassen, doch dieses Versprechen wurde ausgehebelt. Man macht die letzten Klimmzüge, damit die Banken ja nicht das Vertrauen in den Euro verlieren. Aber ob die Bürger das Vertrauen verlieren, spielt überhaupt keine Rolle.

Aber Angela Merkel hat die Einlagengarantie für Sparer gestern ausdrücklich erneuert …

Müller: Das ist die übliche Panik, um zu verhindern, dass die Leute das Geld massenhaft abheben. Die EU ist mit der Zypern-Entscheidung das Risiko eingegangen, dass nun die Spanier, Griechen und Italiener versuchen werden, ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Die EU geht das Risiko ein, einen europaweiten Run auf die Banken auszulösen, der sich wie ein Flächenbrand durch Europa fressen könnte – wohlgemerkt: könnte. Dieses Risiko wird sehenden Auges eingegangen, um gerade mal zwei Milliarden Euro von den zypriotischen Privatanlegern einzunehmen! Da überkommen einen schon massive Zweifel, ob die EU-Staats- und Regierungschefs wirklich wissen, was sie tun…

War’s vielleicht ein Versuchsballon, um mal zu schauen, wie die Kleinanleger reagieren?

Müller: Ganz sicher! Ich würde sogar noch weiter gehen: Hier haben welche ein ganz klares Interesse daran, Griechenland und Zypern aus dem Euro-Raum herauszusprengen.

Was hätte die Politik tun können, um wirklich die russischen Oligarchen mit Millionen an Schwarzgeld zu erwischen?

Müller: Das wäre ganz einfach gewesen: Bei den Guthaben über 100.000 Euro hätte ein Teil in Aktien umgewandelt werden können, also in Beteiligungen an den Banken. Das wäre legitim gewesen, da hätte sich keiner aufgeregt. Die Sauerei ist, dass die 100.000-Euro-Grenze ausgehebelt wurde.

Haben letztlich doch die vorsichtigen Menschen recht, die ihr Geld lieber unters Kopfkissen legen, statt es auf die Bank zu bringen?

Müller: Ich glaube zwar nicht, dass sich die deutschen Sparer Sorgen machen müssen. Aber die Ängste kann ich schon verstehen. Würde es wirklich einen Run auf die südeuropäischen Banken geben, dann würde das eine Kettenreaktion auslösen, von der auch wir betroffen wären. Doch davon sind wir weit entfernt.

Was empfehlen Sie den verunsicherten Sparern?

Müller: Meine Empfeh­lung an die Bürger: Möglichst wenig Cash, möglichst viele Sachwerte – Aktien und ein paar Edelmetalle. Denn Aktien wurden bislang immer von solchen staatlichen Maßnahmen ausgenommen. Das hat seinen Grund: Wenn die Aktionäre zehn Prozent abgeben müssten, würde das einen Börsencrash auslösen. Also ist es besser, das Geld statt auf ein Giro- oder Tagesgeldkonto zu legen, in Aktien mit gesundem Geschäftsmodell zu investieren.

Interview: K. Rimpel

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