Umbau oder Abriss

Was wird aus riesigem Quelle-Zentrum?

+
Das Quelle-Versandzentrum in Nürnberg

Nürnberg - Seit vier Jahren steht das große Quelle-Versandzentrum in Nürnberg schon leer. Die Diskussionen zwischen Stadt und Staat halten an. Wohnlandschaft und Gymnasium oder doch Abriss?

Der Komplex ist so groß, dass viele Investoren lieber die Finger davon lassen. Jetzt zeichnet sich endlich eine Zukunft für das leerstehende Quelle-Versandzentrum im Nürnberger Westen ab. Nun aber lähmt ein Parteienstreit die Suche nach Lösungen.

Einst liefen hier täglich Zehntausende Pakete vom Band - das Quelle-Versandzentrum im Westen Nürnbergs galt bei seiner Eröffnung in den 1960er Jahren als modernstes Logistikzentrum Europas. Mit dem Quelle-Aus im Jahr 2009 hat der ockerfarbene Klinkerbau inzwischen auf andere Weise Berühmtheit erlangt: Der 250 000 Quadratmeter große Koloss ist die größte leerstehende Immobilie Deutschlands nach dem Berliner Flughafen Tempelhof - und wird es wohl auch noch längere Zeit bleiben. Denn rund vier Monate vor der bayerischen Kommunalwahl bremst ein Parteienzwist die Suche nach einer neuen Nutzung.

Dabei sah es noch vor ein paar Wochen so aus, als komme nach jahrelangem Stillstand Bewegung in die Sache. Der portugiesische Immobilien-Konzern Sonae Sierra hatte sich eine Option auf das Gelände im Westen der Stadt gesichert. Für den Chef der Nürnberger SPD-Stadtratsfraktion Christian Vogel ein Glücksfall: „Denn jetzt gibt es endlich einen Investor, der bereit ist, auf die Forderungen der Stadt einzugehen“, schwärmte der Sozialdemokrat. Die Stadtspitze hatte nämlich frühzeitig klar gemacht, dass ein Einkaufszentrum in dem Komplex nicht größer als 18 600 Quadratmeter ausfallen dürfe - schon, um Konkurrenz für den Handel im Stadtzentrum zu vermeiden.

Allerdings hatte der Immobilienentwickler die Rechnung ohne den Freistaat Bayern gemacht. Die Portugiesen hatten der Staatsregierung nämlich große Teile des Quelle-Komplexes für einen Euro angeboten - vor allem für neue Forschungseinrichtungen der beiden Hochschulen im Großraum Nürnberg. Daneben könnten, so die Vorstellung der Sonae-Sierra-Planer, auch noch ein Hotel, Büros, Wohnungen und auch der von Musikfreunden seit langem geforderte neue Nürnberger Konzertsaal Platz finden.

Doch noch bevor Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) überhaupt auf die Pläne reagieren konnte, intervenierte der Finanzminister, Nürnbergs CSU-Chef Markus Söder, und machte klar: „Das ist nicht belastbar. Das für einen Euro zu kaufen und dann die Sanierungskosten für große Teile des Quelle-Komplexes zu übernehmen, das macht für mich keinen Sinn“, erklärte er. Söder fürchtet ein „Milliardengrab für den Steuerzahler“. Abgesehen von den hohen Umbaukosten zweifelt er auch an der Eignung des früheren Versandzentrums als Forschungsstandort: „Technische Forschung braucht erschütterungsfreie Räume.“

Zusammen mit CSU-Stadtrats-Fraktionschef Sebastian Brehm spricht sich Söder daher zumindest für einen Teilabriss des wuchtigen Quelle-Komplexes aus. An seiner Stelle sollte nach CSU-Vorstellung eine kleine „Quelle-Stadt“ entstehen - mit Wohn- und Grünflächen, einem technischen Gymnasium und der einen oder anderen Forschungseinrichtung. Ein Einkaufszentrum sei in dieser Lage dagegen überflüssig. Den vom Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) bevorzugten Plan für das Quelle-Gelände hält Brehm für ein unrealistisches „Misch-Masch“-Konzept. Das Konzept sei der Versuch der Sonae-Sierra-Planer, eine eigentlich ungewollte Shopping-Mall von bis zu 40 000 Quadratmetern durch die Hintertür durchzusetzen.

Diese Sorge halt hingegen SPD-Fraktionschef Vogel für unbegründet: „Wir haben alle Wege eingeleitet, dass es bei 18 600 Quadrater Fläche für Handel bleibt“, versichert er. Bislang hatte der Sozialdemokrat gehofft, dass eine geplante Machbarkeitsstudie die CSU noch umstimmen könnte. Doch nachdem Finanzminister Söder nun auch dies strikt ablehnt, droht dem Projekt Stillstand.

Dabei ist unklar, ob das Gebäude überhaupt abgerissen werden darf. Denn das von dem Industriearchitekten Ernst Neufert entworfene Ensemble steht seit vielen Jahren unter Denkmalschutz. Der Architekt Johannes Kister, der zugleich die Interessen der Neufert-Stiftung vertritt, macht deswegen gegen die jüngsten Abrisspläne Front. Er hält den Quelle-Komplex für einen idealen Hochschulstandort. Zudem würde ein Umbau des Gebäudes weitaus weniger kosten als ein Abriss samt Neubau. CSU-Fraktionschef Brehm sieht im Denkmalschutz dennoch kein Problem - und verweist auf Erfahrungen als Besitzer eines denkmalgeschützten Privathauses: „Man kann mit dem Denkmalschützern über hochwertige Konzepte reden.“

Dem steht die Einschätzung des Wissenschaftsministeriums als oberster Denkmalschutzbehörde gegenüber. „Das Quelle-Gebäude ist seit langen, langen Jahren ein definitiv qualititativ hochwertiges Baudenkmal von europäischem Rang“, betont ein Sprecher. Schon rein rechtlich sei ein (Teil-)Abriss nur unter ganz besonderen Umständen und unter strikten Auflagen möglich - etwa wenn Gefahr für Leib und Leben bestehe.

dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Air Berlin ist insolvent - Das passiert mit gültigen Flugtickets
Air Berlin ist insolvent - Das passiert mit gültigen Flugtickets
Nach Pleite: Air Berlin verrammscht Inventar bei Ebay 
Nach Pleite: Air Berlin verrammscht Inventar bei Ebay 
Immer mehr Zwischenfälle: Ryanair plant radikalen Schritt
Immer mehr Zwischenfälle: Ryanair plant radikalen Schritt
Studie für Geringverdiener: So unfair ist das Steuersystem
Studie für Geringverdiener: So unfair ist das Steuersystem

Kommentare