US-Ratingagentur droht mit Abstufung

Warnschuss für die EU: Experte im tz-Interview

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Prof. Wolfgang Gerke, Leiter des Bayerischen Finanzzentrums.

Das ist ein heftiger Schuss vor den Bug: Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) droht der EU mit einer Abstufung ihrer Bonitätsnote. Die tz hat mit Banken-Professor Wolfgang Gerke darüber gesprochen.

Der Ausblick für das Rating sinkt von stabil auf negativ. Derzeit verfügt die EU noch über die zweithöchste Kreditnote AA+.

Für eine mögliche Abstufung führt die US-Ratingagentur mehrere Gründe an. Sie sei etwa denkbar, wenn ein Mitgliedsland die EU verlasse. Großbritannien stimmt im kommenden Jahr über die EU-Mitgliedschaft ab. Ein weiteres

Problem: Das auf EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker zurückgehende Investitionsprogramm Efsi. Mit dem „Juncker-Plan“ sollen private und öffentliche Investitionen über 315 Milliarden Euro angestoßen werden, indem die EU Garantien über 16 Milliarden Euro zur Verfügung stellt. Bei Verlusten hafte die EU vorrangig, hob S&P hervor. Und dann wäre da noch das Problem mit Staaten wie Griechenland. Die tz hat mit Banken-Professor Wolfgang Gerke über die S&P-Androhung gesprochen:

Was bedeutet diese Androhung zunächst?

Prof. Wolfgang Gerke, Leiter des Bayerischen Finanzzentrums: So eine Drohung erschreckt den Kapitalmarkt natürlich. Viele Anleger, insbesondere die institutionellen, orientieren sich an den Einstufungen der Agenturen. Das kann europäische Schuldtitel verteuern.

Bisher haben wir hauptsächlich über die Ratings der einzelnen Nationalstaaten diskutiert. Wie kommt es, dass die EU ein eigenes Rating hat?

Gerke: Standard&Poor’s berücksichtigt hier, dass sich die EU in einem Risikoverbund befindet. Die Probleme, die in Griechenland oder Spanien auftreten, sind nicht nur nationale Probleme, sondern Probleme der ganzen EU-Gemeinschaft. Dabei muss man aber im Hinterkopf haben: Die großen Ratingagenturen tragen die amerikanische Brille – da besteht die Gefahr, dass Länder und Unternehmen außerhalb der USA schneller herabgestuft werden als US-Unternehmen.

Die EU hatte doch deshalb eine eigene Ratingagentur gründen wollen. Was ist daraus geworden?

Gerke: Darüber gibt es seit Jahrzehnten viel Gerede. Bisher ist aber niemand auf den Plan getreten, der das notwendige Geld und Know-how mitgebracht hat, um eine wirklich konkurrenzfähige Ratingagentur ins Leben zu rufen. Interessanterweise geht jetzt gerade der russische Präsident Putin diesen Weg, der sich ebenfalls benachteiligt fühlt. Putin gründet jetzt seine eigene Agentur, ich glaube aber, dass die Reputation einer solchen Ratingagentur auch nicht besonders hoch wäre. Die Anleger wollen schließlich keine rosarote Brille bei der Risikobewertung.

Was bedeutet es für die Mitgliedstaaten – also etwa Deutschland – wenn die EU als ganzes abgewertet würde?

Gerke: So was schlägt schon durch, vor allem wenn die Abwertung nachhaltiger Natur ist. Dann würden die Refinanzierungskosten steigen. Im Moment kann sich Herr Schäuble extrem billig Geld besorgen. Das könnte teurer werden und damit die Haushalte der EU-Staaten strapazieren.

Ein Grund für die Drohung ist das Investitionsprogramm der EU-Kommission EFSI.Dieses sollte das Top-Rating der Europäischen Investitionsbank schützen. Geht der Schuss nach hinten los?

Gerke: Die Ratingagenturen befürchten, dass das Geld nicht nach ökonomischen, sondern nach politischen Gesichtspunkten verteilt wird. Außerdem befürchten sie, dass durch das Programm Reformen hinausgezögert werden könnten und dadurch für alle EU-Staaten das Gemeinschaftsrisiko steigt.

Ein weiterer Grund für eine Herabstufung könnte der Austritt eines Mitgliedslandes sein. Schlägt Großbritannien mit seinem Referendum hier besonders hohe Wellen?

Gerke: Ja. Schon ein kleines Land wie Griechenland kann riesige Wellen schlagen. Wenn ein bedeutendes Land wie Großbritannien aus der EU austreten würde, würde das Schockwellen an den Finanzmärkten auslösen. Diesem Thema müssen wir uns intensiv widmen und darauf achten, dass wir uns durch den Blick auf Griechenland nicht den Blick auf wichtigere Probleme verstellen.

Welche Folgen hätte eine negativere Bewertung eigentlich für die EU?

Gerke: Die Folgen wären eher längerfristig spürbar. Die Refinanzierung für die einzelnen EU-Staaten würde sich pauschal erhöhen. Und nicht zu vergessen: Das Renommée der EU würde angekratzt werden.

Interview: Marc Kniepkamp

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