"Spiegel" beruft beide Chefredakteure ab

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Der "Spiegel" hat seine beiden Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo von ihren Aufgaben entbunden

Hamburg - Die Chefredakteure von Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin sind abgelöst worden. Grund waren Konflikte in der Doppelspitze. Die Suche nach einem Nachfolger läuft.

Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sucht einen neuen Chefredakteur. Die bisherige Doppelspitze von Print-Chef Georg Mascolo (48) und Digital-Chef Mathias Müller von Blumencron (52) wurde mit sofortiger Wirkung abgesetzt. Grund seien „unterschiedliche Auffassungen zur strategischen Ausrichtung“, wie der Verlag am Dienstag in Hamburg mitteilte. Seit Tagen wurde in der Branche über einen Rauswurf spekuliert. Mascolo und Müller von Blumencron seien beurlaubt. „Über die Nachfolge in der Chefredaktion wird in Kürze entschieden“, kündigte der Verlag an.

In Branchenkreisen werden zahlreiche Kandidaten für die Nachfolge genannt: der stellvertretende Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Nikolaus Blome, der Chefredakteur vom „Freitag“, Jakob Augstein, der Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur, Wolfgang Büchner, „Cicero“-Chefredakteur Christoph Schwennicke, „WAZ“-Chefredakteur Ulrich Reitz, der Vorsitzende der „Handelsblatt“-Geschäftsführung, Gabor Steingart, das für Innenpolitik zuständige Mitglied der Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“), Heribert Prantl, der stellvertretende Chefredakteur der „SZ“, Wolfgang Krach, die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel und die „SZ“-Journalistin Franziska Augstein, „Stern“-Korrespondentin Katja Gloger sowie „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Die Genannten wollten entweder keine Stellungnahme abgeben oder waren zunächst nicht zu erreichen.

Steingart hat nach eigenen Worten kein Interesse. „Ich stehe bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verlagsgruppe Handelsblatt im Wort. Fahnenflucht ausgeschlossen“, sagte er bei einer Mitarbeiterversammlung der Verlagsgruppe Handelsblatt. „Dieter von Holtzbrinck und ich haben große, kühne Pläne. Oder kurz gesagt: Mein Auftragsbuch ist randvoll.“

Bis auf weiteres wird die Redaktion des „Spiegel“ geführt von den beiden stellvertretenden Chefredakteuren Klaus Brinkbäumer und Martin Doerry. Rüdiger Ditz, Chefredakteur von „Spiegel Online“, verantwortet das Nachrichtenangebot im Internet, teilte der Verlag mit.

Die beiden Chefredakteure hatten seit 2008 eine Doppelspitze gebildet. Damals hatte das Duo den langjährigen Chefredakteur Stefan Aust abgelöst. Georg Mascolo übernahm 2011 schließlich die Alleinverantwortung für das Print-Magazin, Mathias Müller von Blumencron übernahm allein die Verantwortung für die digitalen Angebote unter der Marke „Spiegel“, einschließlich „Spiegel Online“. Das Verhältnis der beiden Chefredakteure galt zuletzt als stark belastet.

Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin leidet seit Jahren an Auflagenschwund. Zum Amtsantritt von Mascolo und Müller von Blumencron im Jahr 2008 hatte die verkaufte Auflage noch bei mehr als einer Million Exemplaren gelegen, zuletzt betrug sie 891 000 Exemplare. Zu Spannungen in der Doppelspitze kam es Branchenkreisen zufolge auch bei der Frage einer schlüssigen Online-Strategie. So soll ein Streitpunkt zwischen beiden gewesen sein, ob und welche Inhalte von „Spiegel Online“ kostenpflichtig werden könnten.

Das „Hamburger Abendblatt“ hatte bereits am Freitag über eine bevorstehende Ablösung der „Spiegel“-Chefredaktion berichtet. Am Montag hatte der Geschäftsführer des „Spiegel“-Verlags, Ove Saffe, allerdings noch betont, dass keine Entscheidungen über mögliche Veränderungen in der Chefredaktion gefallen seien.

Mascolo und Müller von Blumencron arbeiteten seit mehr als 20 Jahren für die Medien der „Spiegel“-Gruppe. Geschäftsführer Saffe würdigte sie in der Mitteilung als „exzellente Journalisten, die in den vergangenen Jahren und in verschiedenen Funktionen innerhalb des Hauses Kreativität und Führungsstärke bewiesen haben“.

Eine Besonderheit bei der Ernennung einer Chefredaktion ist beim „Spiegel“ der Einfluss der Belegschaft, da das Unternehmen als Kommanditgesellschaft organisiert ist. Stärkster Gesellschafter ist die Mitarbeiter KG mit 50,5 Prozent. Der Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr hält 25,5 Prozent. Die Erben des Magazingründers Rudolf Augstein besitzen 24 Prozent der Stimmrechte.

dpa

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