Techniker: "Alle wussten davon"

Skandal weitet sich aus: Was kommt auf VW-Fahrer zu?

+
Die Wolken über VW verdunkeln sich weiter.

München - Der VW-Skandal hat eine neue Dimension erreicht! Was kommt auf die Fahrer zu? Mit welchen Kosten rechnet VW durch die neue Affäre? Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen.

Jetzt geht es nicht nur um Betrugs-Vorwürfe bei den Stickoxiden, sondern auch um eingestandene „Unregelmäßigkeiten“ bei den CO2-Abgaswerten. Das ist vor allem deshalb brisant, weil bei Autos mit Erstzulassungsdatum ab 1. Juli 2009 die Höhe der Kfz-Steuer vom CO2-Ausstoß abhängt. Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen zum Skandal.

Was kommt da auf die VW-Fahrer zu?

Die Besitzer der rund 800 000 VW, Audis, Skodas und Seats, deren CO2-Verbrauch zu niedrig angegeben wurde, haben möglicherweise zu wenig Kfz- Steuer bezahlt. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte, er gehe davon aus, „dass man eine Lösung findet, die den VW-Kunden nicht belastet“. Er sehe VW in der Pflicht, „dafür zu sorgen, dass bei diesen Fragen weder Mehrkosten noch Arbeitsaufwand auf die Kunden zukommen“. Allerdings ist der Kunde sowieso schon betrogen: Denn auch der Sprit-Verbrauch dieser Modelle ist höher, als ihm vom Hersteller versprochen wurde.

Welche Modelle sind von dem CO2-Skandal betroffen?

Es sind die Verkaufs-Schlager! Bei VW: Polo, Golf und Passat. Bei Audi: A1, A3. Skoda: Octavia. Seat: Leon, Ibiza. Es geht um Dieselmotoren mit den Hubräumen 1,4, 1,6 sowie 1,8 Liter. Auch 98 000 Benziner mit Zylinderabschaltung sind laut Dobrindt von den Unregelmäßigkeiten betroffen..

Mit welchen Kosten rechnet VW durch die neue Affäre?

Europas größter Autobauer taxiert die wirtschaftlichen Risiken in einer ersten Schätzung auf rund zwei Milliarden Euro – zusätzlich zu den 6,7 Milliarden Euro, die VW für den Diesel-Stickoxid-Skandal zurückstellen musste. Neben Steuernachzahlungen und möglichen Schadenersatzforderungen von Kunden drohen VW zudem Strafen der EU-Kommission: Bevor die EU-Kommission über mögliche Geldbußen entscheide, müssten aber erst die Fakten geklärt werden, erklärte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde.

Und wie steht es mit der VW-Aktie?

Die brach deutlich ein! Die VW-Vorzugsaktie sackte an der Frankfurter Börse zeitweise um mehr als 10 Prozent ab. Am Mittag stand es mit 8,5 Prozent im Minus.

Was bedeutet die VW-Krise für die Zulieferer?

Die müssen die Fehler des VW-Managements jetzt ausbaden! Insider berichten der tz, dass die Qualitätskontrollen massiv verschärft wurden, um schon „wegen ein paar Staubkörnern“ die Preise drücken zu können. „Allein in den letzten 14 Tagen haben wir deshalb 100 000 Euro Miese gemacht – das lohnt sich für uns kaum noch!“ Es sei den Zulieferern klipp und klar gesagt worden, dass VW einen Großteil der anstehenden Krisen-Kosten bei ihnen reinholen wolle – das könnte etlichen Zulieferern das Genick brechen…

Klaus Rimpel

Techniker: Das wussten alle!

„Wir als Tuner wussten schon seit Jahren, dass VW eine Prüfstandssoftware eingebaut hatte – und dass damit manipuliert werden kann, wussten wir auch. Wenn die Behörden gewollt hätten, hätten sie sich also auch schon vor Jahren dafür interessieren können, ob hier betrogen wird. Aber dank unseres Autokanzlers Schröder und der Autokanzlerin Merkel hat die deutsche Autoindustrie Narrenfreiheit. Deshalb war es nötig, dass die Amerikaner hier nun reingehauen haben: Die Amerikaner lieben es eben gar nicht, wenn sie verarscht werden. Die manipulierten Abgaswerte sind handfeste Kundentäuschung . Der ADAC wies seit Jahren auf die Abweichungen zwischen den offiziell von den Herstellern gemeldeten und den tatsächlichen Werten hin - es interessierte in der Politik nur niemanden. Oder es durfte niemanden interessieren.“

Dietmar Domröse, Gründer der Domröse-Pkw-Tuning in München und Ex- BMW-Pressesprecher

Das Krisen-Lexikon

Kohlenstoffdioxid: CO2 ist eine chemische Verbindung aus Kohlenstoff und Sauerstoff. CO2 ist zwar weitgehend unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Treibhausgas und damit zu 76 Prozent für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Deshalb sind die CO2-Grenzwerte in der EU in den vergangenen Jahren nach schwierigen Verhandlungen verschärft worden. CO2 entsteht bei der Verbrennung von kohlenstoffhaltigen Substanzen (Holz, Benzin etc.), aber es ist auch wichtiger Bestandteil der Photosynthese: Pflanzen nehmen CO2 aus der Atmos­phäre auf und setzen mit Hilfe des Sonnenlichts dann Sauerstoff frei. CO2 ist in Lebensmitteln allgegenwärtig – sei es in Sekt, Cola oder in Backhefe.

Stickoxid: NOx entsteht unter anderem bei der Reaktion von Salpetersäure mit Metallen wie Silber oder Kupfer. Eine der Hauptquellen für Stickoxide in der Atmosphäre sind Abgase, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle oder Öl entstehen. In Europa werden mehr als 50 Prozent, in einigen Städten bis zu 75 Prozent der NOx-Emissionen durch den Verkehr verursacht. Stickoxide können Schleimhäute angreifen und so zu Husten, Atembeschwerden und Augenreizen führen. Sie können auch Herz und Kreislauf beeinträchtigen.Stickoxide sind giftig für Blätter und überdüngen und versauern die Böden. Außerdem trägt die chemische Verbindung zur Bildung von Feinstaub und bodennahem Ozon bei.

NOx-Grenzwerte: Dieselmotoren stoßen viel mehr NOx aus als Benziner. Die EU führte 2000 für Dieselautos einen NOx-Grenzwert von 500 Milligramm pro gefahrenen Kilometer ein, der immer mehr verschärft wurde und seit 2014 bei 80 mg/km liegt. Für Benziner liegt er seit 2009 unverändert bei 60 mg/km. Sehr viel strenger sind die USA, wo grundsätzlich keine Unterschiede zwischen Benzinern und Dieseln gemacht werden. Die derzeit niedrigsten Grenzwerte hat Kalifornien, das für Pkw maximal 34 mg/km erlaubt.

CO2-Grenzwerte: In diesem Jahr müssen die Autohersteller in der EU bei ihrer Pkw-Flotte im Durchschnitt einen Grenzwert von 130 Gramm CO2 pro Kilometer erreichen. 2021 sind dann nur noch 95 g/km erlaubt. In den USA liegen diese Schwellen geringfügig höher: Die Vorgabe der Umweltbehörde EPA sieht für die im Jahr 2016 zugelassenen Fahrzeuge einen Grenzwert für Personenwagen von umgerechnet etwa 140 g/km vor. Bis 2025 sinkt der Durchschnittsgrenzwert auf rund 89 g/km.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Discounter expandiert: In diese fünf Städte kommen bald Primark-Filialen
Discounter expandiert: In diese fünf Städte kommen bald Primark-Filialen
Airbus bildet mit Bombardier Allianz gegen Boeing
Airbus bildet mit Bombardier Allianz gegen Boeing
Maschinenbau: Handelsbarrieren würden Wohlstand schaden
Maschinenbau: Handelsbarrieren würden Wohlstand schaden
GM bringt selbstfahrende Autos nach Manhattan
GM bringt selbstfahrende Autos nach Manhattan

Kommentare