3,5 Milliarden Euro Verlust

Experte über VW: "Rote Zahlen werden noch steigen"

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Der Glanz der Marke leidet unter dem Abgasskandal: Volkswagen gab seine Quartalszahlen bekannt, inklusive Milliardenverlust.

München/Wolfsburg - Zum ersten Mal seit 20 Jahren schreibt der Volkswagen-Konzern tiefrote Zahlen. Die tz sprach darüber mit Deutschlands Autopapst, Prof. Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen.

Im dritten Quartal lag das Minus bei rund 3,5 Milliarden Euro. Nach Steuern bleiben 1,7 Milliarden Euro übrig, gab der Konzern am Mittwoch bekannt. Die tz sprach darüber mit Deutschlands Autopapst, Prof. Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen.

Die Zahlen klingen für den Laien verheerend. Sind sie das wirklich?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer: Ja, und diese roten Zahlen werden künftig noch steigen. Die insgesamte Belastung durch den weltweiten Dieselskandal wird von Experten auf eine Summe zwischen 30 bis 70 Milliarden Euro geschätzt. Der VW-Konzern hatte deshalb vorsorglich 6,5 Milliarden Euro auf die Seite gelegt, um einen Teil dieser Belastungen zu bezahlen. Das schlägt sich jetzt nieder. Aber das reicht natürlich nicht, und es ist damit zu rechnen, dass VW in den roten Zahlen bleibt. Ein anderer Weg wäre, Teile des Unternehmens zu verkaufen. Zum Beispiel könnte man MAN und Scania an die Börse bringen und würde dort sicher 20 oder 30 Milliarden dafür bekommen.

In Sachen Umsatz konnten sich die Wolfsburger auf rund 51,5 Milliarden Euro steigern. Ein Anstieg von 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Hat die Börse deshalb so gut auf den Milliardenverlust reagiert? Die VW-Aktie setzte sich ja gestern zeitweise mit einem Plus von vier Prozent sogar an die DAX-Spitze.

Prof. Ferdinand Dudenhöffer: Wahrscheinlich hatten die Anleger mit weitaus höheren Verlusten gerechnet. Mein Rat: Wer sich jetzt VW-Aktien kauft, sollte vorsichtig sein. Wir wissen alle nicht, wie die Marke in den nächsten zwei Jahren mit dem Dieselskandal fertig wird. Bis heute weiß man zum Beispiel noch nicht genau, wie die Autos nachgebessert werden sollen, und welche Kosten da noch entstehen.

Die Deutschen scheinen der Marke treu zu bleiben. Wie erklären Sie sich das? Droht der Einbruch dann, wenn mit der neuen Software die betroffenen Diesel mit weniger Leistung bei mehr Verbrauch fahren?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer:  Tatsächlich erwarten wir keinen großen Einbruch der Marke in Deutschland oder in Europa. Die Deutschen reden zwar immer über Umweltschutz, aber was dann tatsächlich aus dem Auspuff rauskommt, ist vielen nicht mehr so wichtig. Und beim Neuwagenkauf nimmt man den Skandal den Wolfsburgern nicht mehr übel. Und das dürfte Volkswagen helfen.

Die Konzernbrüder Seat, Skoda oder Audi bleiben weitgehend aus der Diesel-Diskussion raus, obwohl sie ebenfalls die belasteten Motoren verbaut haben. Warum?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer: Man redet vom Volkswagenkonzern, aber für viele ist das in erster Linie die Pkw-Marke VW. Audi, Seat und Skoda haben da einfach Glück, dass sie nur ab und zu von diesen Meldungen gestreift werden. Kundenverunsicherungen wird es hier weniger geben. Und je nach nach dem, wie man nun weiter verfährt, etwa mit einer Austauschprämie, dürften Audi und Co. relativ ungeschoren aus der Krise kommen.

Macht der neue Konzernchef Matthias Müller seinen Job gut?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer: Absolut. Aber das reicht nicht. VW braucht eine neue Aufstellung im Aufsichtsrat. Am besten von außen. Dass alle fünf bis zehn Jahre ein neuer Skandal das Unternehmen – zuletzt der Betriebsratsskandal 2005 – erschüttert, hängt eindeutig an der Struktur: 50 Prozent Mitbestimmung durch den Aufsichtsrat, 20 Prozent durch das Land Niedersachsen gehaltene Aktien und das VW-Gesetz – alles konzentriert sich auf Wolfsburg und eine echte Reform ist praktisch unmöglich.

Muss die VW-Belegschaft hierzulande um Arbeitsplätze zittern? 

Prof. Ferdinand Dudenhöffer: Ja. Die Belastungen sind zu groß, als dass man nicht auch in Deutschland Einschnitte vornehmen müsste.

Interview: K. Basaran

Der Boss und sein Fünf-Punkte-Plan

Volkswagen-Chef Matthias Müller hat gestern einen Fünf-Punkte-Plan zur Bewältigung des Abgas-Skandals vorgelegt. Über die Krise will er auch mit der Kanzlerin sprechen. Müller ist Teil einer Wirtschaftsdelegation, die Angela Merkel auf eine Reise ins Reich der Mitte begleitet. Sein Plan:

  1. Hilfe für Besitzer manipulierter Dieselautos genießt höchste Priorität. Die Rückrufe sollen im Januar 2016 starten.
  2. Die Aufklärung der Manipulationen. „Wir müssen die Wahrheit herausfinden und daraus lernen“, erklärte Müller.
  3. Konzernumbau und Sparprogramm. Volkswagen soll künftig dezentraler geführt werden. Marken und Regionen sollen eigenständiger agieren können. Alle rund 300 Fahrzeugmodelle kommen bezüglich ihrer Verkaufserfolge auf den Prüfstand.
  4. Arbeitsatmosphäre und das Führungsverständnis im Unternehmen. Müller will eine Kultur der Offenheit und der Kooperation sowie mehr Kollegialität, mehr Mut, mehr Kreativität und auch mehr Unternehmertum.
  5. Eine „Strategie 2025“: „Dem Höher, Schneller, Weiter wurde vieles untergeordnet, vor allem die Umsatzrendite“, sagte Müller mit Blick auf Erzrivale Toyota. Man wolle „qualitatives Wachstum“. Details gibt es Mitte 2016.

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