Der gelähmte Konzern aus Wolfsburg

Volkswagen: Blanke Angst statt Aufbruchsstimmung

+
Der Elektro-Golf (Mitte) ist nicht betroffen – Dieselmotoren müssen kontrolliert werden.

Wolfsburg/München - Eine kurze Meldung mit vielen Fragezeichen hat gezeigt, wie blank die Nerven bei Volkswagen liegen. Angst statt Aufbruchsstimmung - alles über die VW-Krise.

Eine kurze Meldung mit vielen Fragezeichen hat gezeigt, wie blank die Nerven bei Volkswagen liegen. Waren bislang nur Motoren der Baureihe EA189 von dem Abgas-Skandal betroffen, rückte plötzlich eine zweite Motoren-Reihe - mit dem Titel EA288 - in den Fokus. Mittlerweile ist sicher: „Nach gründlicher Prüfung herrscht nun Klarheit, dass auch in Fahrzeugen mit EA 288 nach EU5 keine Software verbaut ist, die eine unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne der Gesetzgebung darstellt“, wie VW nach einem Tag voller Zittern in Wolfsburg mitteilte. Angst statt Aufbruchsstimmung -alles über die VW-Krise:

Was hat es mit dem Motor der Baureihe EA288 auf sich? Es handelt sich um den Nachfolger des Skandal­motors EA189. Den Motor gibt es in unterschiedlichen Varianten, die ältere erfüllt die Euro-5-Norm, die neuere die strengere Euro-6-Norm. Die zunächst gebaute Variante des EA288 mit der Abgasnorm Euro-5 war ab 2012 eingesetzt worden. Am Donnerstag kam zunächst der Verdacht auf, auch bei diesem Aggregat könne die berüchtigte Schummelsoftware zum Einsatz gekommen sein. Das stellte sich – nach stundenlanger Unsicherheit – als nicht zutreffend heraus.

Warum hat VW nicht sofort dementiert? Der neue Konzernchef Matthias Müller hatte bei seinem Amtsantritt „schonungslose Aufklärung und maximale Transparenz“ angekündigt. Das Problem bei dieser Taktik: Alle Aussagen liegen auf der juristischen Goldwaage, könnten VW teuer zu stehen kommen. Deshalb wirkt der Konzern wie gelähmt. Von Aufbruchstimmung ist keine Spur. Für die Außendarstellung des Konzerns ist das ein Riesen-Problem. Nachdem die Glaubwürdigkeit ohnehin schon angekratzt ist, nähren solche Gerüchte die Zweifel an der Aufarbeitung des Skandals. Auto-Papst Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Dusiburg/Essen fasst die Wahrnehmung zusammen: „VW verstrickt sich immer mehr in den Skandal, tanzt den Kunden und Politikern auf der Nase herum. Es ist eine reine Katastrophe.“

Wie geht es beim Rückruf der betroffenen EA189-Motoren weiter? Die betroffenen Halter sollen bald Post von Volkswagen gekommen. Mittlerweile ist klar: Bei rund drei Millionen Fahrzeugen mit 1,6-Liter-Diesel-Motoren reicht das Software-Update nicht aus. Sie müssen kompliziert umgerüstet werden, sagte ein VW-Sprecher. Die anderen betroffenen Motorentypen – 1,2-Liter- und Zwei-Liter-Motoren – kommen mit frischer Software aus.

Was kommt auf die Halter dieser Fahrzeuge zu? Die Fahrzeuge werden von VW zurückgerufen – und die Halter sind verpflichtet, diesem Rückruf zu folgen. Für die Autofahrer ist der Brief von VW kein Grund zur Freude. Auto-Experte Guido Reinking sagt dem Sender n-tv: „Man muss damit rechnen, dass der Eingriff in die Motorsteuerung und der Umbau der Einspritzdüsen Folgen hat für die Leistung und den Verbrauch des Fahrzeugs.“ Im Klartext: Die Leistung könnte sinken, der Verbrauch steigen. Und die Kunden haben in so einem Fall keine Handhabe gegen VW. „Wenn der Alltagsverbrauch steigt, haben die Kunden Pech gehabt. Einklagbar ist nur der Verbrauchswert auf dem Rollen­prüfstand“, erklärt Renking. Der werde bekannterweise schon jetzt im Alltag nicht eingehalten.

Wie groß ist der Schaden für den Fiskus? Experten wagen eine erste Prognose: „Ich gehe davon aus, dass dieses und nächstes Jahr je rund 1,5 Milliarden Euro Gewerbe- und Körperschaftssteuern von VW fehlen werden“, sagt Kristina van Deuverden vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung dem Handelsblatt. VW hatte bereits frühzeitig angekündigt, allein für die Rückrufe eine Rückstellung von 6,5 Milliarden Euro zu bilden. Diese Kosten zieht der Konzern von seinem Gewinn ab. Experten rechnen damit, dass VW versuchen werde, sich im vierten Quartal die bereits geleisteten Steuervorauszahlungen aus den Vorquartalen zurückzuholen.

Mk.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Warum Apple eine Pizzabox patentieren ließ
Warum Apple eine Pizzabox patentieren ließ
Nach Shitstorm: McDonald‘s zieht Werbekampagne zurück
Nach Shitstorm: McDonald‘s zieht Werbekampagne zurück
Wegen WhatsApp: EU verhängt Mega-Strafe gegen Facebook
Wegen WhatsApp: EU verhängt Mega-Strafe gegen Facebook
Mitarbeiter klagen gegen BMW: Muss der Auto-Hersteller nachzahlen?
Mitarbeiter klagen gegen BMW: Muss der Auto-Hersteller nachzahlen?

Kommentare