VW-Coup mit Porsche: Die Hintergründe

Wolfsburg - VW übernimmt zum 1. August die restliche Hälfte des Porsche-Sportwagengeschäfts. Durch einen Trick spart Volkswagen 1,5 Milliarden Euro. Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen.

Der Volkswagen-Konzern verleibt sich den Sportwagenbauer Porsche weitaus schneller als erwartet komplett ein: Drei Jahre nach der Niederlage der Stuttgarter im Machtkampf mit dem niedersächsischen Weltkonzern übernimmt VW zum 1. August die restliche Hälfte des Porsche-Sportwagengeschäfts und zahlt dafür 4,46 Milliarden Euro Steuern und eine Aktie an die Holdinggesellschaft PSE. Der Milliardendeal ist nicht unumstritten: Durch einen Trick spart Volkswagen 1,5 Milliarden Euro. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle kritisiert, dass sich jeder normale Steuerzahler veräppelt fühlen müsse. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Welche Vorteile hat die komplette Übernahme?

„Die einzigartige Marke Porsche wird nun fester Bestandteil des Volkswagen-Konzerns. Das ist gut für Volkswagen, für Porsche und für den ganzen Industriestandort Deutschland. Volkswagen und Porsche werden durch die Zusammenführung ihres operativen Geschäfts in Zukunft noch stärker. Wir können jetzt noch enger zusammenarbeiten und durch gezielte Investitionen in zukunftsweisende Produkte und Technologien gemeinsam neue Wachstumsmöglichkeiten im ertragsstarken Premium-Segment erschließen. Davon werden unsere Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre profitieren“, erklärte VW-Vorstandschef Prof. Dr. Martin Winterkorn.

Warum konnten VW und Porsche nicht bisher schon Synergien nutzen?

Bisher waren VW und Porsche im Alltag beim Autobauen noch keine vollwertigen Partner, da das Sportwagengeschäft nicht zu 100 Prozent unter dem Dach der Wolfsburger stand. Aus rechtlichen Gründen war daher vieles unmöglich. So liefert VW etwa Motoren für den Porsche Cayenne und den Panamera – doch Freundschaftspreise sind dabei verboten, da Aktionäre dagegen klagen könnten. Das bedeutete enorme Bürokratie: Bei der Entwicklung des neuen Porsche Macan beispielsweise greifen die Schwaben ins VW-Regal. Eine Kommission muss dabei jeden Schritt absegnen, um die Rechtssicherheit zu wahren. Das hat jetzt ein Ende.

Muss VW für die Übernahme Steuern zahlen? VW selbst behauptet, dass Steuern bezahlt werden. Der Staat ist nach Ansicht von Volkswagen bei der Übernahme nicht der große Verlierer. „Es fallen Steuern von deutlich über 100 Millionen Euro an. Diese Steuern sind transaktionsbedingt“, erklärte Finanzchef Hans Dieter Pötsch. Nach Expertenansicht hat sich der zumindest teilweise im Besitz des Landes Niedersachsen befindliche Volkswagenkonzern durch einen legalen Trick aber 1,4 Milliarden Euro an Steuern gespart.

Wie funktioniert der Steuerspartrick?

„VW bezahlt für Porsche einen höheren Preis, der sich nach dem tatsächlichen und nicht dem Buchwert des Unternehmens bestimmt wird. Diese Differenz wäre zu versteuern gewesen. VW und Porsche nutzen aber ein ganz legales Steuerschlupfloch im § 20 des sogenannten Umwandlungssteuergesetzes“, erläutert Josef Bugiel, Landesvorsitzender der Finanzgewerkschaft in Bayern (sie vertritt die Interessen der Finanzbeamten). In diesem Paragraph 20 ist die Möglichkeit vorgesehen, dass zwei Unternehmen durch Umstrukturierungen zusammen zu einem Unternehmen werden, ohne dass es ein offizieller Kauf ist. Bugiel: „In diesem Fall fällt keine Steuer an. Allerdings muss als Mindestbedingung mindestens eine Aktie an das übernommene Unternehmen gehen.“

Wie beurteilt die Finanzgewerkschaft dieses Steuerschlupfloch?

Bugiel: „Volkswagen und Porsche haben ganz legal gehandelt. Man sieht allerdings daran, wie kompliziert das Steuerrecht geworden ist, bei dem jedes Jahr Hunderte Änderungen dazukommen. Und es zeigt auch, dass Großunternehmen, die sich die besten Steuerexperten leisten können, davon profitieren. Sie finden solche Schlupflöcher heraus. Ein normaler Handwerker oder Unternehmer hat solche Möglichkeiten nicht. Das ist ungerecht.“

Wie sind die Reaktionen auf das Milliardengeschäft mit Beigeschmack?

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hat das Steuersparmodell bei der Übernahme des Sportwagenbauers Porsche durch VW heftig kritisiert: „Das mag alles legal sein, zeigt aber, wie dringend wir ein einfacheres und gerechteres Steuerrecht brauchen. Wenn Weltkonzerne mit solchen Steuertricks Milliarden an Steuern sparen könnten, müsse sich jeder Steuerzahler veräppelt fühlen. Von so viel Nachsicht der Finanzämter können viele Handwerker nur träumen“, sagte der frühere Bundeswirtschaftsminister. Diese Kritik stößt freilich nicht nur bei VW auf Unverständnis, sondern auch bei Finanzgewerkschafter Josef Bugiel: „Herr Brüderle oder zumindest seine Parteikollegen haben doch 2006 diese Änderung im Umwandlungssteuergesetz mitbeschlossen.“

Warum dauerte es fast vier Jahre bis zum Zusammenschluss?

Anfangs hatte es eine Fusion geben sollen, also eine komplette Verschmelzung zu einem neuen Konzern. Doch milliardenschwere Klagen aus der Finanzwelt vereitelten diesen ursprünglichen Plan. Anleger im In- und Ausland fühlen sich rückblickend während des fehlgeschlagenen Übernahmekampfes von VW durch Porsche fehlinformiert und fordern Milliarden an Wiedergutmachung. Dieses Klagerisiko hätte sich VW mit der Fusion aufgehalst.

Welche Folgen hat der Milliardendeal?

Der VW-Konzern steht nach dem Geschäft vor einem gewaltigen Gewinnsprung. Im laufenden Jahr rechnet VW mit neun Milliarden Euro zusätzlichen Erträgen allein aus der Neubewertung der Anteile.

Wie reagiert die Börse? Die Börse feiert den schnellen Vollzug der Übernahme des Sportwagenherstellers Porsche durch Volkswagen. Zum Handelsauftakt am Donnerstag legten die im Dax notierten Vorzugsaktien von VW um 4,5 Prozent zu. Die Papiere der Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE gewannen 3,6 Prozent.

KHD

Rubriklistenbild: © dpa

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