VCD Sprecherin erklärt das Vorgehen

VW-Skandal: So laufen die Tricks der Auto-Hersteller

München - Bei elf Millionen Autos sind die Abgaswerte manipuliert worden. Doch nicht nur VW steht am Pranger, auch andere Hersteller sollen bei den offiziellen Abgasmessungen getrickst haben.

Update vom 29. September 2015: Inzwischen kommt immer mehr Licht in den VW-Abgasskandal. Leichte VW-Nutzfahrzeuge und auch Modelle der Marke Seat sind manipuliert worden. Ob ihr Auto auch dabei ist? Eine Liste der betroffenen VW-Modelle und welche Automarken noch betroffen sind.

Für VW kommt es derzeit knüppeldick. Bei elf Millionen Autos sind die Abgaswerte manipuliert worden – viel mehr, als bisher gedacht. Allein für die Servicekosten an den betroffenen Fahrzeugen muss der Konzern noch in diesem Quartal rund 6,5 Milliarden Euro „ergebniswirksam zurückgestellt“. Die Folge: eine Gewinnwarnung. Die Aktie befindet sich weiter im Sinkflug und VW-Boss Martin Winterkorn ist nur noch auf Abruf im Amt. Der Abgas-Betrug könnte für VW zum Totalschaden zu werden, der den ganzen Konzern bedroht. Doch nicht nur VW steht am Pranger, auch andere Hersteller sollen bei den offiziellen Abgasmessungen getrickst haben. Besonders in Deutschland sei dies einfach, sagt Anja Smetanin, die Sprecherin des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), im Gespräch mit der tz. Für Volkswagen drohen unabsehbare Folgen.

Sie sagen, VW sei mit seinen Manipulationen nur „die Spitze des Eisbergs“?

Anja Smetanin, Sprecherin des Verkehrsclub Deutschland (VCD): Die Umweltverbände in Deutschland werfen den Herstellern schon lange vor, dass sie bei den Abgastests tricksen. Dabei geht es hauptsächlich darum, die Grenzwerte dadurch einzuhalten, dass der Zyklus auf dem Prüfstand bewusst so gefahren wird, dass die Werte am Ende in Ordnung sind. Mit einer realistischen Fahrweise hat dies aber meist nichts zu tun.

Wie laufen solche Tricksereien ab?

Anja Smetanin, Sprecherin des Verkehrsclubs Deutschland (VCD).

Smetanin: Ein Beispiel: In Deutschland gibt es kein Tempolimit, die meisten Autofahrer fahren auf den Autobahnen deutlich schneller als 120 Stundenkilometer. Die Test im Labor werden aber nur bis maximal 120 km/h durchgeführt – ein Tempo, bei dem der Schadstoffausstoß viel niedriger ist als bei höherem Tempo. Außerdem sind die Autos, die im Labor getestet werden nicht die, die am Ende auch verkauft werden. Es handelt sich um Vorproduktionsfahrzeuge, die meist in dem Prüfzyklus gut abschneiden. Aber die Autos, die nach der Zulassung tatsächlich auf den Markt kommen, werden nicht noch einmal getestet.

Wird bei den Verbrauchsmessungen ebenso getrickst?

Smetanin: Ja. Da wird dann die Klimaanlage ausgeschaltet, der Rückspiegel abmontiert oder die Türen werden zugeklebt, damit der Luftwiderstand geringer ist. So kommt ein besserer Verbrauchswert heraus, als er in der Realität überhaupt möglich ist.

Diese Schummeleien sind doch auch für Laien offensichtlich … 

Smetanin: Das Problem in Deutschland ist, dass nicht noch einmal von einer unabhängigen Behörde nachgetestet wird. Sobald ein Auto einmal von einem Testunternehmen getestet und für den Straßenverkehr zugelassen wurde, ist Schluss. Der Skandal bietet die Chance, jetzt endlich Nachmessungen per Gesetz einzufordern, um die Hersteller zu kontrollieren. Bei uns beauftragen die Hersteller zertifizierte Testunternehmen, mit denen sie zusammen arbeiten – und die sie bezahlen. Das System in den USA ist da unabhängiger – dort gehen 15 Prozent der tatsächlich verkauften Autos in die unabhängige Nachmessung.

Fehlt da bisher der politische Wille?

Smetanin: Die Nähe der Politik zur deutschen Autoindustrie ist völlig offensichtlich. Bei sämtlichen Gesetzgebungsprozessen versucht die Bundesregierung die Autoindustrie zu unterstützen. Ein Beispiel sind die Verhandlungen zum CO2-Grenzwert, wo Deutschland massiv versucht hat, den Grenzwert zu entschärfen. Genauso ist es bei den Grenzwerten für die Luftschadstoffe. Da hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren früheren Kabinettskollegen Martin Wissmann unterstützt, der früher mal ihr Kabinettskollege war.

Warum setzt die Autoindustrie denn weiter auf Fahrzeuge, die viele Schadstoffe ausstoßen?

Smetanin: Eigentlich könnte die deutsche Autoindustrie zum Vorreiter werden, wenn sie jetzt in die beste Umwelttechnologie investieren und effektive und sparsame Autos anbieten würde. Statt dessen hält man lieber an den Fahrzeugen fest, mit denen man heute weiter gutes Geld verdienen kann und bedient den SUV-Boom.

Wenn VW eine Software entwickelt, die den Schadstoffausstoß senkt, warum deaktiviert sie diese Funktion im Normalbetrieb?

Smetanin: Das hat vor allem technische Gründe. Die Grenzwerte in den USA sind deutlich strenger als hierzulande. Diesen strengen Grenzwert kann VW nur durch den Einsatz einer Harnstofflösung erreichen. Das ist allerdings aufwendig und der Harnstoff verbraucht sich relativ schnell – nach 8000 Kilometern wäre die Lösung aufgebraucht. Im Testzyklus wird also richtig viel Harnstoff verbraucht, damit der NOx-Wert sinkt, doch in der Realität ist das System so eingestellt, dass wenig Harnstoff verbraucht wird, damit die Autos nicht zu schnell zum Nachfüllen der Lösung in die Werkstatt müssen - bzw. die Service-Intervalle sich nicht zu extrem verkürzen.

Wird beim Rest der Autoindustrie auch technisch getrickst oder eher beim Versuchsaufbau?

Smetanin: Der Verdacht liegt nahe, dass die Hersteller alle Schlupflöcher nutzen. Die Umwelt- und Verkehrsverbände haben Autos im Realbetrieb gemessen und Unterschiede zu den Laborwerten festgestellt. Und auch der Verdacht, dass andere Hersteller eine vergleichbare Software wie VW nutzen steht im Raum und ist beileibe nicht neu!

Interview: Marc Kniekamp

auch interessant

Meistgelesen

„Sofort Storno!“ dm-Mitarbeiterin erlebt Unglaubliches bei Rossmann
„Sofort Storno!“ dm-Mitarbeiterin erlebt Unglaubliches bei Rossmann
Schnell und billig: Das sind die Tricks der Lebensmittelindustrie
Schnell und billig: Das sind die Tricks der Lebensmittelindustrie
Experte erklärt: So teuer kommt uns der Brexit
Experte erklärt: So teuer kommt uns der Brexit
Frau findet unfassbare Notiz in einem Amazon-Paket
Frau findet unfassbare Notiz in einem Amazon-Paket

Kommentare