Aktueller Stand in der Abgas-Affäre

Krise als Chance? "VW wird nicht daran zerbrechen"

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Nachdenklich und kämpferisch: VW-Chef Matthias Müller will den Zwölf-Marken-Konzern umkrempeln und den einzelnen Einheiten mehr Freiräume geben.

München - Die Stimmung steigt bei Volkswagen. Der neue Chef Matthias Müller ist sich trotz des Ernstes der Lage sicher, dass VW an dem Abgas-Skandal nicht zerbricht. Ein Status-Update.

Die Stimmung steigt bei VW. Nachdem der Konzern die CO2-Affäre bereits am Mittwoch für beendet erklärt hatte, legte der neue VW-Chef Matthias Müller am Donnerstag einen ersten Zwischenbericht zum Skandal um den Stickstoffdioxid-Ausstoß von VW-Fahrzeugen vor. 450 Experten aus dem Konzern und von einer externen Großkanzlei überprüfen die Vorgänge. Müller will die Krise derweil als Chance begreifen und den Riesenkonzern umbauen. „Wir brauchen ein Stück mehr Silicon Valley“, meint Müller, der trotz des Ernstes der Lage sicher ist, dass VW an diesem Skandal nicht zerbricht.

Wie geht die Aufklärung der Vorgänge voran? Derzeit arbeiten zwei Teams daran, Licht ins Dunkel zu bringen. Die Untersuchungen der internen Revision stehen kurz vor dem Abschluss. Gleichzeitig durchleuchtet die US-Kanzlei Jones Day die Vorgänge bei VW. „Insgesamt sind 450 interne und externe Experten in diese Untersuchung involviert“, rechnet VW-Aufsichtsratschef Pötsch vor.

Wann wird diese Untersuchung abgeschlossen sein? Frühestens im April. Dann will der Vorstand den Aktionären einen vollständigen Überblick über den Skandal geben. Die Experten müssen sich durch einen wahren Datenwust wühlen. „Insgesamt liegen uns 102 Terrabyte Daten vor“, erklärt Pötsch – umgerechnet sind das etwa 50 Millionen Bücher.

Was haben die Experten bisher herausgefunden? „Wir können jetzt die Geburtsstunde der NOX-Thematik besser verstehen ebenso wie ihre Entwicklung“, sagt Pötsch. NOX-Thematik – diesen Begriff verwenden sie bei VW für den Stickstoffskandal. Begonnen habe alles mit der strategischen Entscheidung für eine Dieseloffensive in den USA. „Danach kam es zu einer Fehlerkette, die zu keinem Zeitpunkt gebrochen wurde“, analysiert Pötsch. Zunächst fanden die Techniker keinen Weg, um die NOX-Grenzwerte zu erfüllen. Deshalb griffen sie zu der Schummelsoftware. Mittels einer unterschiedlich hohen Abgasrückführungsrate auf der Straße und dem Prüfzyklus konnten die Fahrzeuge die strengen Tests der US-Behörden bestehen. „Als später dann ein technisches Verfahren greifbar war, wurde es nicht genutzt – offenbar weil man meinte, es sei nicht im Kundeninteresse“, so Pötsch weiter. „Im Rückblick wirkt es etwas banal. Vielleicht deshalb so schmerzhaft für VW“, ärgert sich Pötsch und stellt klar: „Kein Geschäft rechtfertigt es, ethische Grenzen zu überschreiten.“

Wie soll ein solcher Skandal in Zukunft verhindert werden? Wichtigste Änderung: Der Konzern führt das „Vier-Augen-Prinzip“ neu ein. „Natürlich können wir das Fehlverhalten Einzelner nicht zu 100 Prozent verhindern, aber es wird in Zukunft deutlich schwieriger, an unseren Prozessen vorbeizugehen“, sagt Pötsch.

Zieht VW personelle Konsequenzen? Bisher sind neun möglicherweise Beteiligte aus dem Management freigestellt worden. Neue Namen wollte heute aber niemand nennen, dafür müssten die Vorwürfe erst gerichtsfest sein.

Was soll sich bei VW noch ändern? Der neue Konzernchef Matthias Müller will die Krise zur kompletten Neuausrichtung des Unternehmens VW nutzen. „Die Wandelbereitschaft war noch nie so groß wie nach dem Skandal“, konstatiert Müller. Sein Credo: „Mehr gelebte unternehmerische Verantwortung und eine dezentralere Führung.“ Die Marken und Regionen sollen also eigenständiger werden – der Konzern soll sich darauf konzentrieren, die möglichen Synergien noch stärker zu nutzen. „Da ist noch Luft nach oben“, so Müller.

Gibt es Neuigkeiten für die betroffenen Kunden? Nein. Müller bekräftigte, dass die Nachbesserungen für die Halter der Fahrzeuge keine zusätzlichen Kosten verursachen. „Die Lösungen haben außerdem keinen, allenfalls einen marginalen, Einfluss auf die Leistung der Fahrzeuge“, so Müller weiter.

Und wie geht es bei den Abgastests weiter? Pötsch wendet sich mit einem Appell an die ganze Autoindustrie: „Wir brauchen den Mut zu mehr Ehrlichkeit. Die branchenweiten Diskrepanzen zwischen den offiziellen Werten und dem Verbrauch auf der Straße sind nicht mehr vermittelbar!“

Mk.

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