Was wird aus Opel?

Rüsselsheim - Nach dem Rückzug von Karl-Friedrich Stracke zittern die Mitarbeiter. Wie geht es weiter? Die tz analysiert die ernste Lage des Unternehmens und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Chaos-Tage in Rüsselsheim! Nach dem Rückzug von Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke steht die Marke mit dem Blitz ohne Führung da – mitten in einer tiefen Krise und ausgerechnet zum 150. Firmenjubiläum. Stracke war am Donnerstag überraschend nach nur 15 Monaten im Amt zurückgetreten. Für ihn übernimmt vorläufig GM-Strategiechef Steve Girsky das Ruder, der auch den Opel-Aufsichtsrat leitet. Als aussichtsreicher Kandidat für den Chefposten gilt Opel-

Strategievorstand Thomas Sedran. Ein Opel-Sprecher erklärte am Freitag nur, der Aufsichtsrat werde „möglichst schnell einberufen“. Stracke hatte gerade erst einen Sanierungsplan vorgestellt, mit einer Job-Garantie für die Mitarbeiter bis 2016. So lange sollten auch keine Werke geschlossen werden. Gerade Bochum gilt als Wackelkandidat. Jetzt wächst bei den Beschäftigten die Sorge, dass der Sanierungsplan das Papier, auf dem er gedruckt ist, nicht mehr wert sein könnte und GM von den Zusagen abrückt. Die tz analysiert die ernste Lage des Unternehmens:

Wie haben sich die Verkaufszahlen von Opel entwickelt?

Immer schwächer. Laut Bild schrumpften die Opel-Verkäufe im ersten Halbjahr 2012 um rund acht Prozent. Noch schlimmer ist die Lage im deutschen Heimatmarkt, wo Opel bis Ende Juni mehr als neun Prozent verlor. In den ersten drei Monaten des Jahres betrug der Verlust bei Opel 256 Millionen Dollar (knapp 210 Millionen Euro).

Wie steuert Opel gegen?

Mit Rabattaktionen. Rabatte von mehr als 3 000 Euro auf die Modelle Corsa, Meriva und Astra gibt es im Internet – einzelne Händler bieten noch kräftigere Nachlässe. Fast der einzige Lichtblick ist der praktisch verdoppelte Absatz des Zafira. Der wird ausgerechnet im Werk Bochum gebaut, das Opel 2017 schließen will.

Ist Stracke freiwillig zurückgetreten?

Wohl nicht. Die offizielle Version lautet: GM-Boss Dan Akerson soll Stracke ein attraktiveres Angebot unterbreitet haben. Offiziell ist von „Sonderaufgaben bei GM“ die Rede – möglicherweise schickt ihn der Konzern nach Russland. Beobachter zweifeln an dieser Version: Demnach wurde Stracke vor die Tür gesetzt, weil er zu zimperlich war. Bei den Managern der Konzernmutter in Detroit seien die Geduldsfäden gerissen. „Das ist Chaos pur. Opel ist nicht zu retten. Jetzt ist zu erwarten, dass die eiserne Hand aus Detroit durchregiert und viel Schaden anrichtet“, poltert Auto-Experte Prof. Ferdinand Dudenhöffer.

Was sind die Hintergründe?

„Ich kann mir nur vorstellen, dass es daran liegt, dass GM mit Strackes Sanierungstempo nicht mehr einverstanden war“, erklärt Prof. Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach im tz-Gespräch. „Dabei hatten die Bosse dem Plan ja zunächst zugestimmt.“

Wird jetzt Strackes Sanierungspaket wieder aufgeschnürt?

Das erwarten die Experten. „Damit rechne ich. Jetzt werden weitere Schritte verhandelt“, vermutet Bratzel. Politik und Gewerkschaften befürchten bereits den Kahlschlag und warnen die GM-Bosse in Detroit. IG-Metall-Chef Berthold Huber stellt klar: „Für die IG Metall, Betriebsräte und Opel-Beschäftigte ist nur ein Zukunftskonzept tragfähig, dass keine Schließung von Standorten vorsieht und die Belegschaften mit ihrer Kompetenz beteiligt.“ Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sagte, er gehe davon aus, „dass die mit Stracke ausgehandelten Grundlinien für die Opel-Modellpalette und die offensive Strategie des Autobauers beibehalten“ würden.

Droht Opel jetzt das Aus?

"Opel jetzt vorschnell aufzugeben wäre falsch“, meint Bratzel. Trotzdem: „Die Lage ist enorm eng und ernst“, warnt der Branchen-Kenner. „Wenn jetzt keine harten Schritte kommen, unterhalten wir uns in drei Jahren über die Abwicklung von Opel.“

Welche Schritte drohen?

Werksschließungen und Jobabbau. „Mit den Überkapazitäten kann Opel kein Geld verdienen“, warnt Bratzel. „Auf der Produktseite brauchen wir mehr Breite und Tiefe. Mehr Nischen, mehr Segmente.“ Langfristig muss das Ziel eine Höherpositionierung der Marke sein. „Man kann nicht mit hohen Kosten ein Niedrigpreisprodukt in Europa herstellen“, erklärt Bratzel. Bratzel schätzt die Überkapazitäten bei Opel auf mindestens 30 Prozent. „Mit 10 bis 15 Prozent Überkapazitäten kann man leben“, sagt Bratzel: „Bei 20 bis 30 Prozent schafft es aber keiner mehr, profitabel zu arbeiten.“ Gleichzeitig macht GM mit der billigen Marke Chevrolet den Rüsselsheimern noch zusätzliche Konkurrenz auf dem kriselnden europäischen Markt.

Welche Wirkung hat das Führungs-Chaos bei Opel auf das Image der Marke?

„Was wir da von GM-Seite erleben, ist eine Zumutung. Was in den letzten Jahren passiert ist, hat nichts mit nachhaltigem Management zu tun“, erklärt Bratzel. „So wird man natürlich nicht aus den Negativ-Schlagzeilen herauskommen.“ Deshalb könne man für qualitativ wieder ordentliche Fahrzeuge nicht das entsprechende Geld verlangen. Hessens Vize-Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn (FDP) warnt: „GM verzockt gerade das Vertrauen seiner Mitarbeiter, der Verbraucher und das Vertrauen der Politik.“

Mk.

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Rubriklistenbild: © dpa

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