EU will eigenes Navigationssystem - Startschuss für Galileo

+
Die Computer-Darstellung demonstriert das Navigationssystem Galileo, ein Gemeinschaftsprojekt der ESA und der Europäischen Union.

Brüssel - Es klingt ein wenig nach Science Fiction: Ein Traktor könnte in Zukunft ohne Fahrer einen Acker bis auf den Zentimeter genau düngen.

Bei der Müllabfuhr würden die Fahrer jede Tonne in der Stadt genau lokalisieren und könnten auf ihrer Tour Zeit sparen. Dies sind nur zwei von vielen möglichen Anwendungen, die Europas neues satellitengestütztes Navigationssystem Galileo von 2014 an bieten soll.

Für das umstrittene und pannengeplagte Prestigeprojekt Europas, das viele bereits totgesagt haben, hat die EU-Kommission nun mit der Auftragsvergabe den endgültigen Startschuss gegeben. Bei aller Erleichterung darüber, dass Galileo nun doch nicht zum Milliardengrab wird, bleiben aber viele Fragen offen.

Lesen Sie dazu:

Ramsauer: Galileo-Zuschlag für OHB großer Erfolg

Experten bezweifeln, dass Galileo jemals Geld einbringen wird. Nach den jetzigen Plänen kostet das Projekt den Steuerzahler 3,4 Milliarden Euro - doch dieser Budgetrahmen gilt bereits als überholt. Im vergangenen Sommer schätzte der Europäische Rechnungshof die tatsächlichen Kosten auf mehr als 5 Milliarden Euro. Die Kommission weist solche Summen jedoch weit von sich: “Bislang befinden wir uns im vorgesehen Budgetrahmen“, betonte Verkehrskommissar Antonio Tajani am Donnerstag.

Galileo soll europäischer GPS-Konkurrent werden

Das Ziel der EU ist ambitioniert: Galileo soll der europäische Konkurrent zum GPS-System der Amerikaner werden, mit dessen Signalen die Navigationssysteme der westlichen Welt in Autos, Schiffen und Flugzeugen bisher arbeiten. Dafür will die EU 32 Satelliten ins All schießen. Doch es ist offen, ob Galileo wirklich dem US-System Konkurrenz machen kann.

Denn Galileo startet mit sechs Jahren Verspätung - schuld war ein EU-interner Streit über Geld und Kompetenzen. Damit ist der technologische Vorsprung gegenüber den Wettbewerbern verspielt: “Das Zeitfenster ist durch die politischen Krisen sehr klein geworden“, kritisiert der Verkehrsexperte und langjährige SPD- Europaparlamentarier Ulrich Stockmann.

Längst ist die Konkurrenz in China (“Compass“) und Russland (“Glonass“) am Start, und auch die Amerikaner planen für GPS eine verbesserte Version. In Europa gibt es dagegen nur einen Testbetrieb.

Projekt wird ein Lauf gegen die Zeit

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es ein Lauf gegen die Zeit wird: China hat für sein eigenes globales Navigationssystem dieselbe Radiofrequenz reserviert wie die Europäer. Wer sie zuerst nutzt, gelangt in ihren Besitz. Um die wichtige Frequenz zu halten, will die EU noch in diesem Jahr erste Satelliten starten. In der Kommission spricht man hinter vorgehaltener Hand von einem “ernsten Problem“.

Zwei Vorteile hat Galileo aber. Das System soll es möglich machen, eine Position auf den Zentimeter genau zu bestimmen und sogar die Orientierung in Gebäuden möglich zu machen. Im Gegensatz zu GPS soll Galileo nicht militärisch, sondern nur zivil genutzt werden.

EU bleibt Milliardenblamage erspart

Die gute Nachricht ist in jedem Fall, dass der EU eine Milliardenblamage erspart bleibt. 2007 stand Galileo bereits vor dem Scheitern, die Kosten waren außer Kontrolle geraten und Verhandlungen mit einem Industriekonsortium um den Luft- und Raumfahrtkonzern EADS scheiterten. Danach schrieb die EU das Projekt 2008 neu aus.

Nun hat der Bremer Technologiekonzern OHB den Zuschlag für den Bau von 14 Satelliten bekommen und damit den großen Konkurrenten EADS ausgestochen. Damit wächst in Deutschland die Hoffnung auf neue Arbeitsplätze. Rund 150 000 Jobs könnten laut EU rund um Galileo neu entstehen - falls nicht eine Wirtschaftskrise oder neuer Zwist dazwischenkommt.

Marion Trimborn

auch interessant

Meistgelesen

Palm-Öl-Gebrauch bei Nutella: So reagiert Ferrero
Palm-Öl-Gebrauch bei Nutella: So reagiert Ferrero
US-Behörden: Fiat hat Abgaswerte manipuliert
US-Behörden: Fiat hat Abgaswerte manipuliert
Anleger flüchten aus der Türkei: Lira im freien Fall
Anleger flüchten aus der Türkei: Lira im freien Fall
Zahl der Migranten steigt mangels Arbeitschancen weiter
Zahl der Migranten steigt mangels Arbeitschancen weiter

Kommentare