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Wirtschaft mit Mini-Wachstum im Quartal - trübe Aussichten

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Container auf dem Gelände eines Containerterminals im Hamburger Hafen. Der Ukraine-Krieg hat die Hoffnung auf einen kräftigen Aufschwung in diesem Jahr zunichtegemacht. © Daniel Reinhardt/dpa

Der Ukraine-Krieg hat die Hoffnung auf einen kräftigen Aufschwung zunichtegemacht. Das erste Quartal war noch einigermaßen robust. Das Umfeld für Deutschland hat sich allerdings deutlich verschlechtert.

Wiesbaden - Steigende Energiepreise, Lieferengpässe, Auftragsstau: Der Ukraine-Krieg und Chinas strikter Kurs gegen die Corona-Pandemie werden zunehmend zur Belastung für die deutsche Wirtschaft.

Statt des erhofften kräftigen Aufschwungs nach zwei Jahren im Krisenmodus trauen viele Volkswirte Europas größter Volkswirtschaft 2022 inzwischen nur noch ein Wirtschaftswachstum zwischen einem und zwei Prozent zu. Im vergangenen Jahr waren es immerhin 2,9 Prozent.

„Der ehemals erhoffte kräftige Aufschwung erstickt im Würgegriff des Krieges“, kommentierte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW. Mit einer durchgreifenden konjunkturellen Belebung sei erst wieder zu rechnen, wenn die hemmenden Faktoren nachließen. Für den Rest des Jahres prognostiziert Köhler-Geib „nur moderat positive Quartalswachstumsraten“ in Deutschland.

Bremsklotz Teuerung

Nach Einschätzung der Bundesbank wird die deutsche Wirtschaft im laufenden zweiten Quartal „allenfalls leicht zulegen“. Zwar sorgt die Lockerung der Corona-Einschränkungen dafür, dass Menschen wieder mehr konsumieren und für Umsatz in Gaststätten, Hotels und Einzelhandel sorgen. Doch die rasant gestiegene Teuerung ist ein Bremsklotz.

„Der Krieg in der Ukraine und die anhaltende Corona-Pandemie haben bereits bestehende Verwerfungen, zu denen gestörte Lieferketten und steigende Preise zählen, nochmals verstärkt“, fasste der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Georg Thiel, am Mittwoch zusammen.

Ein kleiner Lichtblick: Der befürchtete Absturz im ersten Quartal blieb aus. Trotz anhaltender Corona-Pandemie und erster Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine legte die deutsche Wirtschaftsleistung zum Vorquartal um 0,2 Prozent zu. Das Statistische Bundesamt bestätigte seine Ende April veröffentlichte Schätzung zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Zeitraum Januar bis einschließlich März. Im Vergleich zum ersten Quartal 2021 lag die Wirtschaftsleistung um 3,8 Prozent höher. Hierbei hatten die Wiesbadener Statistiker zunächst ein Plus von 3,7 Prozent berechnet.

Das befürchtete zweite Minusquartal in Folge und damit eine sogenannte technische Rezession blieb so zumindest aus. Im Schlussquartal 2021 war die Wirtschaftsleistung in Deutschland um 0,3 Prozent gesunken. Schrumpft die Wirtschaft zwei Vierteljahre in Folge, sprechen Ökonomen von einer „technischen Rezession“.

Zunächst Wachstum in Deutschland

In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres sorgten nach Angaben des Bundesamtes höhere Investitionen für Wachstum in Deutschland, während der Außenbeitrag die Exportnation bremste. Wegen der milden Witterung legten demnach die Bauinvestitionen trotz deutlicher Preisanstiege zum Schlussquartal 2021 um 4,6 Prozent zu, in Ausrüstungen wurde 2,5 Prozent mehr investiert als im Vorquartal.

Kaum Impulse gab es zu Jahresbeginn hingegen von privaten Konsumausgaben (minus 0,1 Prozent zum Vorquartal) und staatlichen Konsumausgaben (plus 0,1 Prozent). Der Handel mit dem Ausland war insgesamt rückläufig: Preis-, saison- und kalenderbereinigt sanken die Gesamtexporte zum Vorquartal um 2,1 Prozent.

In der deutschen Industrie wächst unterdessen der Bestand unerledigter Aufträge, weil Materialien fehlen und Lieferketten nicht wie gewohnt funktionieren. Rechnerisch bräuchten die Unternehmen acht Monate, um die bis März aufgelaufenen Bestellungen abzuarbeiten, stellte das Statistische Bundesamt jüngst fest.

„Der starke Lageraufbau in Verbindung mit den neuen Sperrungen in China und dem Krieg in der Ukraine verheißt nichts Gutes für die Produktion im zweiten Quartal“, meint ING-Deutschland-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. „Die Tatsache, dass der private Verbrauch bereits zu Beginn des Jahres unter den höheren Energiepreisen litt und nicht von einer allmählichen Wiederbelebung der Wirtschaft profitierte, lässt auch für das zweite Quartal nichts Gutes erwarten.“

Prognosen pessimistisch

Die Konjunkturprognosen fallen inzwischen deutlich pessimistischer aus als vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Die EU-Kommission korrigierte jüngst ihre Wachstumserwartungen sowohl für die europäische Wirtschaft als auch für Europas größte Volkswirtschaft Deutschland kräftig nach unten: Für die Europäische Union sowie die Euroländer erwartet Brüssel im laufenden Jahr statt 4 Prozent nur noch jeweils 2,7 Prozent Wachstum. Die BIP-Prognose für Deutschland wurde von 3,6 Prozent auf 1,6 Prozent gesenkt.

Es gibt zumindest etwas Hoffnung für die deutsche Wirtschaft: Die Talfahrt des Konsumklimas ist vorerst gestoppt. Im Mai stabilisierten sich die Erwartungen an Konjunktur und Einkommen sowie die Kauflaune, wie die jüngste Studie der Nürnberger GfK ergab. Die Landesbank Helaba erwartet, dass die beiden von der Bundesregierung geschnürten Entlastungsprogramme mit rund 35 Milliarden Euro Volumen die Konjunktur stabilisieren werden.

„Es gibt auch stützende Faktoren“, sagte auch Ifo-Präsident Clemens Fuest Anfang der Woche im „Handelsblatt“-Interview. „Noch hat sich der Dienstleistungssektor nicht ganz von der Coronakrise erholt, wenn das in den nächsten Monaten kommt und uns weitere Infektionswellen erspart bleiben, stützt dieser Sektor die Konjunktur.“

Doch Fuest sagte zugleich: „Die Abwärtsrisiken dominieren.“ Die deutsche Wirtschaft sei stärker als andere Länder in die Weltwirtschaft eingebunden, deshalb sei sie anfälliger für Störungen aus dem Ausland, erklärte Fuest: „Wir müssen uns auf weitere Turbulenzen einstellen.“ dpa

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