Christa Lippmann ist „Erfinderin“ des Erziehungsurlaubs

Wirtschaftspsychologin: „Frauen müssen sich Gehör verschaffen“

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Erfolgreiches Wohnprojekt des Fördervereins „Nachbarschaftlich leben für Frauen im Alter“: Vereinsvorsitzende Christa Lippmann, Rita Kraus, Psychologin Angelika Lang und Erna Öttl (v.li.).

Als Wirtschaftspsychologin bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) sorgte Christa Lippmann für ein Frauenförderprogramm und die Einführung des Erziehungsurlaubs, der in der Folge bundesweit Schule machte.

Lippmann ist Trägerin des Bundesverdienstordens und des Bayerischen Verdienstordens. Sie ist Vorsitzende des Fördervereins „Nachbarschaftlich leben für Frauen im Alter“.

Frau Lippmann, was möchten Sie zum Thema „Starke Frauen“ gefragt werden?

Was machen Frauen anders als Männer? Denn Leistungen der Frauen werden meiner Meinung nach noch immer unter den Scheffel gestellt oder als selbstverständlich angesehen, während kleinste Leistungen der Männer hochgepusht werden. Leistungen von Männern werden höher bewertet.

Warum müssen Frauen für ihre Rechte kämpfen?

Seit 100 Jahren dürfen Frauen wählen, aber in diesen 100 Jahren hat sich für Frauen noch einiges mehr verändert. Warum müssen Frauen für ihre Rechte kämpfen?

Das liegt an einem Frauenbild, das noch bis in die 80er Jahre in der Gesellschaft existierte. Ich habe in meinem Studium der Wirtschaftspsychologie Lehrbücher gelesen, in denen stand, dass Frauen genetisch nicht für Führungsaufgaben geeignet sind. Wenn man angesichts solcher Zuschreibungen das Frauenwahlrecht betrachtet, kann man erst ermessen, was für ein Umdenken das bedeutet hat. Ich denke, das war damals so revolutionär wie heute „Ehe für alle“.

Wie war das Ihrer Ansicht nach möglich?

Vor allem, indem Frauen über sich nachdachten, über ihre Rolle, und dann im Zusammenschluss mit anderen Frauen Stärke entwickelt und so schließlich die Gesellschaft beeinflusst haben.

Ist das auch heute noch wichtig?

Selbstverständlich. Der Verein „Nachbarschaftlich leben für Frauen im Alter“ ist ein gutes Beispiel. Wenn wir kein Zusammenschluss oder eine Organisation wären, würde sich da auch nichts tun. Man muss sich organisieren, und das haben die Frauen wohl die letzten hundert Jahre gelernt.

Weshalb engagieren Sie sich speziell für das Wohnprojekt für Frauen?

Das entstand mehr oder weniger zufällig im Rahmen einer kirchlichen Gruppe „Frau im Beruf“ mit netten Frauen und unterschiedlichen Themen. Unter anderem haben wir uns mit der Frage „Wie wollen wir im Alter leben?“ befasst. Die Kirche hat leider die Dienststelle aus Kostengründen stillgelegt. Der Verein bestand weiter.

Was waren in Ihrem Berufsleben die größten Herausforderungen?

Ganz eindeutig: sich Gehör verschaffen und Anerkennung verschaffen – das war und ist die größte Herausforderung.

Welche Bedeutung haben in der Arbeitswelt Äußerlichkeiten, wie Kleidung, und spielt Sexismus im Berufsleben noch eine Rolle im Jahr 2019? Beispiel: Diskussionen über Frisuren und Outfits der Kanzlerin?

Wenn Männer in der Berufswelt Anzüge tragen, sehen sie sehr uniform aus, mit nur kleinen Variationen, sei es die Farbe der Krawatte oder die Form der Brille. Das hat einen Effekt: Man konzentriert sich auf den Inhalt. Das ist auch heute noch so. Sexismus wird zwar nicht mehr so offen kommuniziert, aber ob das sexistische Denken verschwunden ist, das weiß ich nicht. Auf Äußerlichkeiten schauen aber nicht nur Männer, auch Frauen bewerten das Outfit ihres Gegenübers.

Was müsste für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen noch getan werden?

Es gilt, die Leistungsfähigkeit von Frauen neu zu bewerten. Wenn eine Frau eine Idee äußert, sollte die Idee ausschließlich an ihrem Inhalt gemessen werden, nicht, ob sie von einer Frau oder einem Mann stammt. Auch Familie und Beruf sind noch nicht optimal miteinander vereinbar. Die Entscheidung, eine Familie zu gründen wird nach wie vor nicht nur vom Kinderwunsch bestimmt, sondern von der beruflichen Situation der Partner.

Interview: Laura Kessler

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