Politische und wirtschaftliche Entwicklung

Wirtschaftswissenschaftlerin: „Die Gesellschaft hat hier eine große Verantwortung“

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Ann-Kristin Achleitner ist Wirtschaftswissenschaftlerin und gehört zu den einflussreichsten Frauen Deutschlands.

Ann-Kristin Achleitner ist eine der einflussreichsten Frauen Deutschlands, gleichzeitig auch Mutter von drei Kindern. Wie bewertet die Wissenschaftlerin die Situation von Frauen hierzulande?

Ann-Kristin Achleitner ist Wirtschaftswissenschaftlerin und gehört zu den einflussreichsten Frauen Deutschlands. Mit gerade einmal 28 Jahren wurde sie Professorin an der Universität St. Gallen. Seit 2001 ist Achleitner Inhaberin des Lehrstuhls für Entrepreneurial Finance der TU München. Zudem ist sie Mitglied verschiedener Aufsichtsräte börsennotierter Konzerne und fungiert immer wieder als Beraterin der Politik.

Gab es in Ihrem Umfeld weibliche Vorbilder, die Sie geprägt haben? 

Ann-Kristin Achleitner: Überhaupt nicht. Meine Mutter und viele meiner Tanten haben zwar studiert, aber nicht länger in einem Beruf gearbeitet. Also, ich hatte da weder in der Familie noch im Freundeskreis ein greifbares Vorbild.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass der Frauenanteil in den Wirtschaftswissenschaften so gering ist? 

Achleitner: Das ist ein kulturelles Thema – damals wie heute. Nicht nur im wirtschaftlichen Sektor. Nehmen Sie den Bereich Medizin. Ich komme aus einer Ärztefamilie und habe deshalb früh dort den direkten Vergleich mitbekommen. Vor etwa 40 Jahren wurde zum Beispiel in Polen die Hälfte der medizinischen Lehrstühle im Bereich meines Vaters von Frauen geführt – in Deutschland war das damals überhaupt nicht vorstellbar. Deshalb war für mich schon früh sichtbar, dass da sehr stark die Einstellung und kulturelle Unterschiede mit hineinspielen.

Sie sind nicht nur beruflich erfolgreich, Sie sind auch Mutter von drei Kindern. Wie hat sich die Situation von berufstätigen Müttern in den vergangenen Jahren verändert? 

Achleitner: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat sich spürbar entwickelt. So hat die berufliche Flexibilität im Schnitt deutlich zugenommen. Es gibt Möglichkeiten wie Homeoffice, Jobsharing, flexible Arbeitszeiten, verschiedene Arbeitszeitmodelle. Das war, als ich angefangen habe, noch ganz anders.

Selbstverwirklichung von Frauen? „Das geht an sozialen Realitäten vorbei“

Sie finden also, dass wir diesbezüglich gut aufgestellt sind? 

Achleitner: Wir haben natürlich noch einen weiten Weg vor uns. Vieles entwickelt sich erst mit der Zeit. Das Bewusstsein dafür steigt, es wird aber natürlich stark von den jeweiligen Vorgesetzten beeinflusst. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Sie noch so viele hilfreiche Regeln haben können – wenn es kulturell von den Kollegen nicht mitgetragen wird, wird sich nichts ändern. Das muss nicht nur die Themen Schwangerschaft und Kinderbetreuung betreffen, sondern zum Beispiel auch die Pflege der eigenen Eltern.

Heißt das, dass die Gesellschaft den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen hinterherhinkt? 

Achleitner: Die Gesellschaft hat hier eine große Verantwortung. Jeder einzelne muss sich in seinem Verhalten an die Nase fassen und in seinem persönlichen Umfeld etwas ändern. Gesellschaft sind wir alle zusammen. Die Vorstellung von einer Frau, die keine Elternzeit nimmt, ist eigentlich bei vielen negativ belegt. Deshalb ist es schon ein großer Fortschritt, dass berufstätige Mütter inzwischen zur Normalität gehören. Auch, dass es heute eine organisierte Betreuung für Kinder unter drei Jahren gibt, war zum Zeitpunkt, als ich meinen ersten Sohn bekommen habe, vollkommen undenkbar. Bei meinem dritten Kind, gerade mal sechs Jahre später, war das schon ganz anders. Da habe ich von der Stadt München unaufgefordert eine Liste mit Krippenplätzen zugesandt bekommen. Also allein in der Zeitspanne, in der ich meine Kinder bekommen habe, haben sich die Rahmenbedingungen – und auch die Einstellung – gewaltig verändert.

Was ist der Unterschied zwischen berufstätigen Frauen heute und vor 25 Jahren? 

Achleitner: Ein großer Unterschied ist, dass das in meiner Studienzeit gar nicht so breit diskutiert wurde. Das hatte den einzigen Vorteil, dass wir uns der Probleme, die dann später kamen, erst gar nicht so bewusst waren und deshalb unbefangener an das Thema herangegangen sind. Wir hatten Lust, zu arbeiten. Und wir haben es einfach gemacht! Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass viele Frauen arbeiten müssen! Es immer so darzustellen, dass es bei berufstätigen Frauen ausschließlich um Selbstverwirklichung geht, ist meiner Meinung nach völlig fehlgeleitet und geht an den sozialen Realitäten vorbei. Es gibt heute eben eine gewisse sachliche Notwendigkeit, dass Frauen arbeiten. Deshalb springt eine Debatte, die nur um Führungskräfte und Aufsichtsrätinnen kreist, viel zu kurz. Denn dort gibt es bereits sehr viel Flexibilität. Bessere Bedingungen der Vereinbarkeit sollte es aber im Rahmen der Möglichkeiten auf allen Ebenen und in allen Bereichen geben.

Melanie Mörtlbauer

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