tz-Interview mit Prof. Dr. Rudolf Hickel

Zweitjob: Problematik wird "runtergespielt"

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Professor Dr. Rudolf Hickel spricht im tz-Interview über die Problematik mit den Zweitjobs

München - Immer mehr Bürger müssen nach Feierabend noch schuften: Sie treten einen zweiten Job an. Prof. Dr. Rudolf Hickel vom Institut für Arbeit und Wirtschaft erklärt im tz-Interview die Hintergründe dieser Entwicklung.

Stimmt die Behauptung, dass immer mehr Menschen einen Zweitjob annehmen, weil das Einkommen nicht ausreicht?

Prof. Dr. Rudolf Hickel: Wir sehen ganz deutlich, dass wir seit der Hartz-Reform 2003 eine massive Spaltung am Arbeitsmarkt haben. Das zeigt sich daran, dass die Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektormiteinem Stundenlohn unterhalb von 9,15 Euro auf über acht Millionen zugenommen hat Das ist die eine Botschaft. Die andere ist die, dass innerhalb der geringfügig Beschäftigten der Anteil derer, die einen Nebenjob haben, zugenommen hat. Das sind 9,1 Prozent oder 2,66 Millionen Beschäftigte. Sie sind in Mini-Jobs neben der regulären Erwerbstätigkeit. Eine Aussage hat mich dabei provoziert.

Welche?

Hickel: Das Ganze wird jetzt runtergespielt. Das Bundesarbeitsministerium bzw. die Bundesarbeitsagentur unterstellen, dass da viele Menschen dabei sind, die von der "Konsumlaune" zum Zweitjob animiert werden. Es mag den einen oder anderen Fall geben. Aber das ist nicht die Wahrheit. Unbestreitbar ist, dass immer mehr Menschen mit dem geringfügigen Arbeitseinkommen nicht mehr auskommen. Sie sind auf solche Jobs angewiesen. Und wenn man von der These des Bundesarbeitsministeriums ausgeht, dann hätte vom Mai 2012 bis 2013 die Konsumlaune 62.000 Beschäftigte zu Zweitjobber animiert.

Was belegt Ihre These?

Hickel: Dafür spricht eine Studie des IAB aus Nürnberg, die besagt, dass immer mehr Unternehmen, vor allem im Gaststättenbereich, aber auch im Einzelhandel, im Gesundheits- und Sozialwesen, immer mehr Vollzeitstellen abbauen und durch Minijobs ersetzen. Und die Tatsache, dass so viele Menschen jetzt Minijobs haben, ist nicht Ausdruck der eigenen Entscheidung, etwas hinzuzuverdienen, sondern am Ende ist es bei der großen Mehrheit der Zwang, dazuzuverdienen, um überlebenzukönnen. Die wachsende Zahl der Zweitjobber ist maßgeblich zurückzuführen auf das Verhalten der Unternehmer, die weniger Vollzeitmitarbeiter, dafür immer mehr Billigkräfte einstellen.

Was muss passieren?

Hickel: Die Situation ist ein starkes Argument für Mindestlöhne. Dann nimmt die Zahl der Zweitjobber ab. Derzeit erhält eine Million Menschen nur einen Stundenlohn von 5,50 Euro. Die können dann vom Lohn besser leben. Das Zweite geht an die Wahlprogramme der Parteien: Die Grünen wollen die Minijobs massiv einschränken auf nur noch 100 Euro pro Monat. Darüberhinaus müssen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Linke fordert eine Abschaffung generell. Auch die SPD ist dagegen. Die FDP will Minijobs ausbauen und bei der CDU steht dazu nichts im Wahlprogramm.

Interview: K.H. Dix

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